Olivia Kroth: Begegnung mit südamerikanischer Literatur in Ciudad Trujillo, Venezuela – Encounter with South American literature in Ciudad Trujillo, Venezuela

Begegnung mit südamerikanischer Literatur in Ciudad Trujillo, Venezuela

von Olivia Kroth

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Die Bibliothek “Mario Briceño Irragorry” in Ciudad Trujillo steht an der Ecke Avenida Independencia und Calle Miranda, der Plaza Bolívar schräg gegenüber. Sie ist in dem alten Kloster “Convento Regina Angelorum” untergebracht, einem barocken Bau mit grossem Garten. Dieses Kloster, 1622 errichtet, stellt eines der ältesten und eindrucksvollsten Gebäude in der Stadt Trujillo dar.

Bis 1874 lebten hier 60 Dominikanerinnen, sie waren alle Töchter der Stadt. Der Name Regina Angelorum, Königin der Engel, stammt aus einem venezolanischen Rosenkranzgebet, von dem kreolischen Priester Pedro Graterol geschrieben. Die Nonnen widmeten sich erzieherischen, kulturellen, religiösen und sozialen Aufgaben. Als 1630 die Kathedrale von Ciudad Trujillo errichtet wurde, blühte das Klosterleben auf. Der Konvent wurde zu dem spirituellen Zentrum der Region.

Im 20. Jahrhundert wurde hier die Stadtbibliothek eingerichtet. Ein Saal der Information beherbergt eine Reihe von Computern für Recherchen. In den geräumigen Sälen sitzen nachmittags Schulkinder und erledigen ihre Hausaufgaben mit Hilfe von Bibliothekarinnen und Müttern. Auch Erwachsene kommen zum Lesen. Es ist eine Präsenzbibliothek ohne Ausleihe, in der gegentlich auch Autorenlesungen stattfinden.

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Ciudad Trujillo: Convento Regina Angelorum

In dem Saal der südamerikanischen Literatur gibt es eine Reihe von Anthologien, die ein breites Spektrum der Lyrik bieten, einer Literaturgattung, welche sich in Südamerika nach wie vor grosser Beliebtheit erfreut. Stellvertretend seien zwei Dichter genannt: Nicolás Guillén (1902-1989) aus Kuba und Mario Benedetti (1920-2009) aus Uruguay.

Nicolás Guillén war einer der Favoriten des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Als im Spätherbst 2010 starke Regenfälle in Venezuela zu katastrophalen Überschwemmungen führten, zitierte Hugo Chávez ein Gedicht von Nicolás Guillén in seinem Blog, “Líneas de Chávez”:

Mire la calle.  / Cómo puede usted ser / indiferente a ese gran río / de huesos, a ese gran río / de suenos, a ese gran río / de sangre, a ese gran río.

Schaut euch die Strasse an. / Wie könnt ihr / gleichgültig sein gegenüber diesem grossen Strom / von Knochen, diesem grossen Strom / von Träumen, diesem grossen Strom / von Blut, diesem grossen Strom.

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Kuba: Nicolás Guillén und Fidel Castro

Nicolás Guillén, am 10. Juli 1902 in Camagüey geboren, widmete sein lyrisches Werk der “cultura negra”, dem afrikanischen Erbe der Kubaner: “nicht weiss, nicht schwarz”, schrieb er, sondern “el color cubano”. Die kubanische Farbe ist kaffeebraun, eine Mischung aus Dunkel und Hell.

Hugo Chávez, der ebenfalls afrikanische Wurzeln besass, war mit diesem Denken vertraut. In einem Interview sagte er: “Ich bin stolz auf mein afrikanisches Erbe. Wir sind eine neue Rasse. Wir sind weder weiss wie die Europäer noch schwarz wie die Afrikaner. Wir sind Kreolen, Mestizen, Mulatten. Wir sind die Bewohner Lateinamerikas.”

Im Jahre 1922 publizierte Nicolás Guillén den Gedichtband “Cerebro y Corazon”, Hirn und Herz. Dieses Buch verhalf ihm zum Durchbruch. Im gleichen Jahr begann der Dichter ein Jurastudium an der Universität von Havanna, welches er jedoch bald zu Gunsten einer literarischen Laufbahn aufgab. Im Jahre 1937 trat Nicolás Guillén der Kommunistischen Partei Kubas bei, 1961 wurde er zum 1. Vorsitzenden der UNEAS, des kubanischen Schriftstellerverbandes, gewählt. Sein reicher lyrischer Nachlass besteht aus etwa 30 publizierten Gedichtbänden.

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Auf seiner Heimatinsel Kuba empfand der Mulatte Nicolás Guillén die Diskriminierung von Kubanern afrikanischer Abstammung durch die weisse Oberschicht als ungerecht. Seine sozialkritische Dichtung nannte er “poesía mulata”, Poesie der Mulatten.

Mi patria es dulce por fuera, / y muy amarga por dentro, / mi patria es dulce por fuera, / con su verde primavera, / con su verde primavera, / y un sol de hiel en el dentro.

Meine Heimat ist aussen süss / und innen sehr bitter, / meine Heimat ist aussen süss / mit ihrem grünen Frühling, / mit ihrem grünen Frühling / und innen mit einer Sonne aus Gallensaft in der Mitte.

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Kuba: Nicolás Guillén (1902 – 1989)

Ein weiterer bekannter lateinamerikanischer Dichter ist Mario Benedetti aus Uruguay, am 14. September 1920 in Paso de los Toros geboren. Sein umfangreiches Werk, das aus Romanen, Erzählungen, Theaterstücken, Essays und Lyrik besteht, wurde in 23 Sprachen übersetzt. Mario Benedetti arbeitete als Journalist und Herausgeber verschiedener Zeitschriften in Montevideo. Er war Mitglied einer marxistischen Vereinigung.

Nach der Erschiessung von Ernesto “Ché” Guevara im Oktober 1967 in La Higuera, Bolivien, schrieb Mario Benedetti vier Gedichte für den gefallenen Freiheitskämpfer aus Argentinien: “Cuatro Canciones para el Ché”, Vier Lieder für Ché.

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Uruguay: Mario Benedetti (1920 – 2009)

Así estamos / consternados / rabiosos / aunque esta muerte sea / uno de los absurdos previsibles / (…) / la rabia quedará / se hará más limpia / estás muerto / estás vivo / estás cayendo / estás nube / estás lluvia / estás estrella (…)

So sind wir bestürzt / wütend / auch wenn dieser Tod / eine der voraussehbaren Absurditäten ist / (…) / die Wut wird bleiben / sie wird reiner werden / du bist tot / du lebst / du fällst / du bist eine Wolke / du bist der Regen / du bist ein Stern (…)

Mario Benedetti.Foto: © Daniel Mordzinski.

Während der Militärdiktatur in Uruguay von 1973 bis 1983 lebte Mario Benedetti im Exil in Argentinien, Kuba, Peru und Spanien, bevor er in die Heimat zurück kehrte. Im Jahre 1992 porträtierte der argentinische Regisseur Elises Subiela den Dichter in seinem Film “El lado oscuro del corazón”, Die dunkle Seite des Herzens, wobei er etliche Gedichte von Mario Benedetti verwendete. Im Jahre 1997 erhielt der Dichter den Ehrendoktortitel der Universität von Havanna, Kuba. Ausserdem wurde er zum Ehrenmitglied der Nationalen Akademie für Literatur in Montevideo, Uruguay, ernannt.

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Lateinamerikanische Dichtung ist so vielgestaltig wie der Kontinent, aus dem sie stammt. Viele poetische Stimmen vereinen sich in diesem Chor. Sie sprechen spanisch, portugiesisch, kreolische Dialekte oder indigene Sprachen, zum Beispiel die Gruppe der Quechua-Sprachen, welche in dem Andenraum gesprochen werden. In Bolivien, Ecuador und Peru hat Quechua den Status einer offiziellen Amtssprache.

Die südamerikanische Lyrik ist von intensiver Schönheit. Sie drückt verschiedene Aspekte der Realität aus. Es gibt epische, erotische, poetische, reflexive und satirische Gedichte. Ob emotional oder intellektuell, immer weisen sie eine spezifische Färbung, einen charakteristischen Ton auf. Es sind die Farben und Töne Lateinamerikas.

Die Union südamerikanischer Nationen (UNASUR), 2008 in Brasilia gegründet, umfasst Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Guyana, Kolumbien, Paraguay (suspendiert), Peru, Uruguay, Suriname und Venezuela. Ihr Motto lautet: “Nuestro Norte es el Sur”. Unser Ziel ist der Süden. Gleiches gilt auch für die Dichtung Südamerikas. Ihr Ziel ist der Süden. Alle Wegweiser weisen nach Süden.

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Alí Rodríguez Araque: Generalsekretär der UNASUR

Die soziale Ungleichheit, welche der kubanische Dichter Nicolás Guillén schon in dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts kritisierte, sprach im Juli 2013 auch der venezolanische Politiker Alí Rodríguez Araque an. In seiner Funktion als Generalsekretär der UNASUR sagte er, die Union südamerikanischer Nationen brauche einen integralen Plan, um das Problem der sozialen Ungleichheit in diesem Kontinent zu lösen. Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise betonte er die Notwendigkeit, die Integration Südamerikas zu beschleunigen und zu festigen.

Encounter with South American literature in Ciudad Trujillo, Venezuela

by Olivia Kroth

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The Library “Mario Briceño Iragorry” is located at the corner of Avenida Independencia and Calle Miranda, across the street from the Plaza Bolívar. In former times, this library was a convent, “Convento Regina Angelorum,” a building in baroque style with huge gardens. Built in 1622, the former convent  is one of the oldest and most impressive buildings in Ciudad Trujillo.

Until 1874, sixty Dominican nuns lived here, all of them born in Trujillo. The name of “Regina Angelorum,” Queen of Angels, stems from a rosary prayer, written by the Creole priest, Pedro Graterol. The nuns undertook cultural, educational, religious and social tasks. When the Cathedral of Ciudad Trujillo was erected, in 1630, life in the convent reached its height. The convent became the spiritual centre of the region.

In the 20th century, the city library was installed in the former convent, where occasionally authors read from their works for the public. In the “Sala de Información,” a row of computers can be used for research. In the afternoons, pupils are sitting in the spacious halls, doing their homework with the help of librarians and mothers. Adults also visit the libary for reading.

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In the department of Latin American poetry, some interesting anthologies give an insight into the broad scope of this genre, which is still very popular in all of South America. Two poets stand out: Nicolás Guillén (1902-1989) from Cuba and Mario Benedetti (1920-2009) from Uruguay.

Nicolás Guillén was one of the favourite poets of the late Venezuelan President, Hugo Chávez. When strong rain flooded Venezuela, in autumn 2010, he quoted a poem by Nicolás Guillén on his blog, “Líneas de Chávez”:

Look at the street. / How can you be / indifferent to this great stream / of bones, to this great stream / of dreams, to this great stream / of blood, to this great stream (…)

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Cuba: cultura negra

Born in Camagüey, on the 10th of July 1902, Nicolás Guillén placed “la cultura negra”, negro culture, in the centre of attention. The culture of African descendents is Cuba’s heritage. “Not white, not black,” he wrote, but “el color cubano.” The specific Cuban colour is coffee-brown, resulting from a mixture between dark and light.

Hugo Chávez, who also possessed African roots, was familiar with this kind of thinking. In an interview he said, “I am proud of my African heritage. We are not white, like the Europeans, nor black, like the Africans. We are creoles, mestizoes, mulattoes. We are a new race. We are the inhabitants of Latin America.”

In 1922, Nicolás Guillén published his volume of poetry, “Cerebro y Corazón,” Brain and Heart, which made him famous. In the same year, the poet began to study Law at the University of Havanna, but he soon gave it up for a literary career. In 1937, Nicolás Guillén joined the Communist Party of Cuba. In 1961, he was elected as head of UNEAC, the Cuban writers’ association. Altogether, he published about 30 volumes of poetry.

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Flag of Cuba

The mulatto, Nicolás Guillén, found the disdain, which the white upper class of Cuba showed towards Afro-descendents, to be a great injustice. His “poesía mulata,” mulatto poetry, is full of social criticism.

My homeland is sweet outside, / and very bitter inside, / my homeland is sweet outside, / with its green spring, / with its green spring, / and a sun of bile at the centre (…)

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Nicolás Guillén: poesía mulata

Mario Benedetti is another well-known poet of Latin America, born in Paso de los Toros, Uruguay, on the 14th of September 1920. He worked as a journalist and editor of several magazines in Montevideo. Mario Benedetti belonged to a Marxist group.

When Ernesto “Ché” Guevara was shot in La Higuerota, Bolivia, in October 1967, Mario Benedetti wrote four poems to honour the Argentinian freedom fighter, “Cuatro Canciones para el Ché,” Four Songs for Ché. They were published in 1969.

So we are upset / furious / even if this death is / one of the foreseeable absurdities / (…) / the fury will remain / it will become clearer / you are dead / you are alive / you are falling / you are a cloud / you are the rain / you are a star (…)

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Comandante Ché Guevara: Hasta la Victoria Siempre

During the military dictatorship in Uruguay, Mario Benedetti lived in exile – Argentina, Cuba, Peru and Spain – from 1973 to 1983, before returning to his home country. In 1992, the film, “El lado oscuro del corazón”, the dark side of the heart, by the Argentine film maker, Elises Subiela, portrayed the poet, using several of his poems.

In 1997, Mario Benedetti received an honorary degree from the University of Havanna, Cuba. He also became an honorary member of the National Academy of Literature in Montevideo, Uruguay.

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Uruguay: Mario Benedetti

Latin American poetry is as varied as the continent it stems from. Many lyrical voices are united in this choir. They speak Spanish, Portuguese, Creole dialects or indigenous languages, for example the group of Quechua languages spoken in the Andes mountains. In Bolivia, Ecuador and Peru, Quechua is an official language.

Latin American poetry is beautiful and intense, expressing different aspects of reality. There are epic, erotic, political, reflexive and satirical poems. Whether emotional or intellectual, they will always show a particular colour and tone. These are the colours and tones of South America.

The Union of South American Nations (UNASUR), founded in Brasilia, in 2008, comprises the member states of Argentina, Bolivia, Brazil, Chile, Colombia, Ecuador, Guyana, Paraguay (suspended), Peru, Uruguay, Suriname and Venezuela. The motto of UNASUR is, “Nuestro Norte es el Sur.” Our goal is the South. The same can be said about South American poetry. Its goal is the South.

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Flag of UNASUR

In July 2013, the Venezuelan politician, Alí Rodríguez Araque, spoke about social inequality in Latin America, which had already been criticized by the Cuban poet, Nicolás Guillén, as early as the first half of the 20th century.

Alí Rodríguez Araque, who serves as General Secretary of UNASUR, reminded all members of this political body that an integral plan will be needed to solve the problem of social inequality in this continent. Regarding the worldwide economic crisis, he stressed the necessity of accelerating and consolidating the integration process of South America.

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General Secretary of UNASUR: Alí Rodríguez Araque

 

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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