Olivia Kroth/Die Stimme Russlands: Operation Bagration – Sowjetische Sommeroffensive von 1944 im Grossen Vaterländischen Krieg

Operation Bagration: Sowjetische Sommeroffensive von 1944 im Grossen Vaterländischen Krieg

von Olivia Kroth

Vor 70 Jahren begann im Sommer 1944 die Operation Bagration, eine grossflächig angelegte Offensive der Roten Armee gegen die eingedrungenen Nazis im Baltikum, in Polen und Weissrussland. Vom 22. Juni bis 19. August wurde die Wehrmacht aus diesem sowjetischen Territorium vertrieben.

Dabei wurden die Vierte Armee und zwei Panzerarmeen der Nazis vernichtet, dreissig ihrer Divisionen ausgelöscht und dreissig weitere Divisionen verkrüppelt. 350.000 deutsche Soldaten wurden getötet, 160.000 Gefangene starben auf dem Weg in die Arbeitslager, 57.000 wurden in Moskau vorgeführt. Die Operation Bagration brachte den Nazis die schlimmste Niederlage des II. Weltkriegs. Sie brach das Rückgrat der Wehrmacht und stürzte Hitlers Reich, das statt der geplanten 1.000 Jahre kaum länger als ein Jahrzehnt währte.

Für die Operation Bagration kamen 118 sowjetische Schützendivisionen, 13 Artilleriedivisionen, sechs Kavalleriedivisionen sowie acht Panzerkorps und Mechanisierte Korps zum Einsatz. Mehr als zwei Millionen sowjetische Soldaten nahmen teil. Etwa eine Million Tonnen Munition und Verpflegung wurden benötigt. Die Rote Armee wurde von 11.000 Artilleriegeschossen, 2.300 Katjuscha Mehrfachraketenwerfern, 2.300 Kampfflugzeugen, 1.800 Iljuschin Il-2 Schlachtflugzeugen, 650 Mittelstreckenbombern und 430 Nachtbombern unterstützt.

Der Name Bagration bezog sich auf General Pjotr Iwanowitsch Bagration (1765-1812), einen georgischen Fürsten im Dienst des russischen Zaren. Er nahm an dem Krieg gegen Napoléons Armee teil und liegt auf dem Schlachtfeld von Borodino bei Moskau begraben, wo er im September 1812 fiel.

Maskirowka

In der Operation Bagration wurde “Maskirowka” erfolgreich angewandt. Der Begriff kann mit “Tarnung, Täuschung, Falsch- oder Fehlinformation” übersetzt werden. In der sowjetischen Militärenzyklopädie wird das Wort erklärt als “Mittel zur Sicherung von täglichen Kampfhandlungen und Schlachten; komplexe Massnahmen zur Täuschung des Feindes hinsichtlich der Präsenz und Disposition von Streitkräften, Einsatzbereitschaft, militärischen Plänen und Zielen”. Die Doktrin wurde in den 1920er Jahren entwickelt und als fester Bestandteil in die sowjetischen Dienstvorschriften der Roten Armee aufgenommen (1929): “Alle Truppenbewegungen müssen mit grösstmöglicher Geheimhaltung und Geschwindigkeit durchgeführt werden.”

Mit der Operation Bagration führte man die Wehrmacht in die Irre. Die Nazis glaubten, die Kämpfe würden in der von ihnen besetzten Ukraine stattfinden. Später fanden sie heraus, dass die sowjetischen Kampfhandlungen weiter im Norden begannen, in Weissrussland, Polen und im Baltikum. Dies erklärt die hohe Zahl an gefangenen und getöteten deutschen Soldaten, auch ihre enormen Verluste an Material und Ausrüstung.

Vier Fronten, vier Generäle

Die Operation Bagration bestand aus vier Fronten, die von vier Generälen geleitet wurden. Sie waren, was ihr Alter, Temperament und ihre Abstammung betraf, sehr unterschiedlich. Doch alle vier trugen durch optimale Kooperation zum Gelingen der sowjetischen Grossoffensive bei. Die Erste Baltische Front wurde von General Iwan Bagramjan kommandiert, die Erste Weissrussische Front von General Konstantin Rokossowski, die Zweite Weissrussische Front von General Georgi Schakarow und die Dritte Weissrussische Front von General Iwan Tschernjachowski.

Der aus Armenien stammende General Iwan Christoforowitsch Bagramjan (1897-1982) wurde für seine Leistungen während der Operation Bagration zum Marschall der Sowjetunion ernannt und mit dem Titel “Held der Sowjetunion” ausgezeichnet. 1954 wurde Marschall Bagramjan zum Oberinspektor des sowjetischen Verteidigungsministeriums, schliesslich zum stellvertretenden Verteidigungsminister befördert. Später arbeitete er als Ko-Autor von Büchern über strategische militärische Operationen der Sowjetunion. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1968 schrieb er seine Memoiren, die er in drei Bänden publizierte. Marschall Bagramjans Urne wurde an der Kremlmauer in Moskau beigesetzt.

General Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski (1896-1968) leitete die Erste Weissrussische Front, welche im Oktober 1943 geschaffen wurde. Er war polnischer Abstammung, in Warschau geboren. Auch er wurde zum Marschall der Sowjetunion ernannt. Nach Kriegsende diente er als Verteidigungsminister der Volksrepublik Polen. Marschall Rokossowskis Urne wurde gleichfalls an der Moskauer Kremlmauer bestattet.

Die Zweite Weissrussische Front, im Februar 1944 gebildet, wurde von General Georgi Fedorowitsch Schakarow 81897-1957) angeführt. In Schilow bei Saratow geboren, unterrichtete er 1933 an der Frunze-Militärakademie und diente von 1939 bis 1941 als Stabschef im Militärdistrikt des Urals. Im April 1944 nahm er an der Befreiung von Sewastopol auf der Halbinsel Krim teil, die von den Nazis besetzt war.

Die Dritte Weissrussische Front, im April 1944 geformt, wurde von General Iwan Danilowitsch Tschernjachowski (1906-1945) aus der Ukraine kommandiert. Er war der jüngste sowjetische General. Während der Operation Bagration fiel er in Litauen und wurde zunächst in Vilnius begraben. Später transportierte man seinen Sarg nach Moskau, wo er auf dem Nowodewitschi-Friedhof seine letzte Ruhestätte fand.

Im Vorfeld der Operation Bagration griffen sowjetische Partisanen die Nachschub- und Versorgungslinien der Wehrmacht an. Sie sabotierten Eisenbahngleise und Brücken in Aktionen, welche unter den Decknamen “Eisenbahnkrieg” und “Konzert” abliefen. Auf diese Weise gelang es den Partisanen, die Nazis am Transport von Lebensmitteln und Munition zur Front zu verhindern.

Die Operation Bagration setzte am 22. Juni 1944 ein, auf den Tag genau drei Jahre nach der Invasion der Sowjetunion. Die Linien der Wehrmacht wurden intensiv bombardiert. Die Bombardierung fing früh morgens um fünf Uhr an und dauerte zwei Stunden. Sie wurde in Abschnitten rollend durchgeführt, um die vorderste Linie des Feindes zu zerstören und fliehende deutsche Soldaten im freien Raum abzufangen, bevor sie ihre mittleren Linien erreichen konnten. Tausende von Nazis wurden durch Bombenhagel von Katjuscha-Batterien getötet. Einige derer, die überlebten, berichteten später, dies sei die schlimmste Bombardierung gewesen, die sie je erlebt hätten.

Sie gab den Invasoren einen Vorgeschmack auf das, was sie erwartete bei Brest, Bobrujsk, Hrodna, Maladsetschna, Mogilew, Minsk, Orscha, Pekalin, Pinsk, Polozk und Wizebsk (Weissrussland); bei Bialystok, Lomza, Lublin, Ossowitz und Warschau (Polen); bei Kaunas und Vilnius (Litauen). Die hohen Verluste und der hastige Rückzug der Wehrmacht ermöglichte den Verbleib dieser Gebiete nach 1945 in der Sowjetunion – vom Baltikum bis zur Krim.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

http://german.ruvr.ru/2014_07_28/Operation-Bagration-Sowjetische-Sommeroffensive-von-1944-im-Gro-en-Vaterlandischen-Krieg-2970/

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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