Olivia Kroth/DIE STIMME RUSSLANDS: Lew Tolstois Roman “Krieg und Frieden” als Hörerlebnis der Comédie Française

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Lew Tolstois Roman “Krieg und Frieden” als Hörerlebnis der Comédie Française

von Olivia Kroth

Lew Tolstois Klassiker “Krieg und Frieden”, für Frankreich immer noch aktuell, wird derzeit von der Comédie Française als Hörerlebnis im Radiosender France Culture angeboten. Jeden Tag können Hörer fünf Minuten lang die Stimme des Schauspielers und Rezitators Denis Podalydès vernehmen, der ihnen ein halbes Kapitel des 2000 Seiten umfassenden russischen Werks vorliest.

“Mit dieser Wahl hoffe ich, die Kluft zu verringern zwischen jenen Werken, von denen die Leute nur die Titel gehört haben, und jenen, die sie wirklich gelesen haben”, sagte Denis Podalydès in einem Gespräch mit Le Figaro (17.10.2014, Seite 39). Natürlich ist es leichter, sich einen Roman vorlesen zu lassen, als ihn selbst zu lesen. Doch könnte das Hörerlebnis manche Interessierten dazu verleiten, sich auf Lew Tolstois Monumentalwerk einzulassen. Sie würden vielleicht entdecken, wie spannend sich das Buch liest, beziehungsweise die zwei Bücher, denn der Roman wird von der Edition Gallimard als Teil I und II mit jeweils 1000 Seiten herausgegeben.

Denis Podalydès:

Der Roman als Fluss

Der Roman “Krieg und Frieden” fliesse dahin wie ein ruhiger, breiter Fluss, meint Denis Podalydès und vergleicht ihn mit der Donau. Die Russen würden möglicherweise einen Vergleich mit der Beresina vorziehen, jenem Schicksalsfluss, den die fliehende französische Armee im Westen des russischen Reichs auf ihrem Rückzug überqueren musste und der Napoleons Russlandfeldzug endgültig scheitern liess. Lew Tolstoi schrieb im 4. Teil des 4. Buchs: “Diese Passage über die Beresina, über welche so viel geschrieben worden ist, war lediglich eine der Zwischenetappen auf dem Weg zur völligen Destruktion der französischen Armee. (…) Nach dem Überqueren der Beresina verfielen die Überbleibsel dieser Armee in einen zunehmend bedauernswerten Zustand.”

Deutsche Leser könnten bei der Erwähnung des Flusses Beresina aufhorchen, denn 1945 erwies sich die Beresina erneut als Schicksalsfluss, diesmal für die fliehende deutsche Wehrmacht, die “heim ins Reich” wollte, aber grossenteils von nachsetzenden sowjetischen Soldaten der Roten Armee aufgerieben wurde. So steht die Beresina symbolisch für russische Siege, sowohl den Sieg über Napoleons Armee im Jahr 1812 als auch den über Hitlers Truppen im Jahr 1944.

Kleine und grosse Geschichte

Denis Podalydès sieht in Lew Tolstois Roman “die perfekte Alchemie zwischen kleiner und grosser Geschichte”. Mit den grossen politischen Ereignissen – Napoleons Invasion in Russland, der Schlacht bei Borodino, dem Brand von Moskau, Napoleons Flucht – ist die “kleine Geschichte” verflochten: Hochzeiten und Scheidungen, Geburten und Todesfälle in den russischen Adelsfamilien Besukow, Bolkonski, Drubetskoi, Kuragin und Rostow. Eine Fülle von Personal tritt auf, auch hohe Generäle, insbesondere Marschall Kutusow, dem Russland seine Befreiung verdankte.

Michail Illarionowitsch Kutusow (1745-1813) gilt als einer der besten russischen Generäle des 18. Jahrhunderts. Er beschloss nach der Schlacht bei Borodino im September 1812, die russische Armee zurückzuziehen, um sie so lange wie möglich zu schonen. Dafür musste Moskau einen hohen Preis zahlen. Die Bevölkerung der Stadt wurde evakuiert und Moskau absichtlich niedergebrannt, so dass Napoleons Truppen weder Nahrung noch Wasservorräte in der zerstörten Stadt fanden. Kutusows Entscheidung erwies sich letztlich als richtig. Napoleon musste den Rückzug antreten. Er verlor auf dem Weg nach Frankreich einen Grossteil seinser “Grossen Armee”.  Zur Anerkennung seines Verdienstes wurde Michail Kutusow zum Marschall befördert und mit dem Titel “Seine Hoheit, Fürst von Smolensk” ausgezeichnet.

Michail Illarionowitsch Kutusow:

Die Romanfigur Kutusow

Lew Tolstoi ehrt ihn als genialen Feldherrn und Sieger, allerdings in ganz anderem Sinn, als die meisten Historiker dies tun. Der Autor beschreibt ihn auf eigenwillige Weise im 2. Teil des 4. Buchs: “Der Verdienst von Kutusow bestand keineswegs in irgendeinem genialen strategischen Manöver, wie man sagt, sondern darin, dass er allein den wahren Sinn der Ereignisse begriff.” Lew Tolstoi vergleicht die französische Armee mit einem verwundeten Tier: “Dort lag das verwundete Tier, bei Borodino, wo der Jäger es hatte liegen lassen. Aber das Tier lebte noch und stiess plötzlich Klagelaute aus. Das Klagen dieses verwundeten Tiers, der französischen Armee, deutete auf das baldige Ende hin. Dies war der Grund, warum Lauriston (General der französischen Armee) Kutusow ein Friedensangebot schickte”, welches dieser ablehnte.

Tolstois schöne Sprache

Der Rezitator der Comédie Française bewundert die Schönheit von Tolstois Sprache. Er findet den Schreibstil leicht zu lesen. Er selbst sei beim lauten Vortrag sensibilisiert worden für Details wie “das Knistern eines Stoffs, das Klingen eines Glases”. Indessen erscheint manchem Literaturwissenschaftler oder Übersetzer die Sprache nicht ganz so einfach, wie sie klingt: “Tolstoi kennt besser als jeder Andere die Fallstricke des Bewusstseins”, schreibt der Übersetzer Boris de Schloezer in seinem Vorwort zur französischen Ausgabe in der Edition Gallimard. “Natürlich hat Tolstoi Vertrauen in die Sprache, aber er hat kein Vertrauen in die Realität, so wie sie sich zeigt. Er weiss, dass die Wahrheit keine feststehende Grösse ist. Sie erweist sich als trügerisch und stellt den Schriftsteller vor die Aufgabe, das aufzudecken, was sich unter der Oberfläche verbirgt.”

Tolstois einfacher Schreibstil

Doch auch Boris de Schloezer bemerkt die gewollte Einfachheit des Schreibstils von Lew Tolstoi: “Er schreibt einfach und ernsthaft in dem Sinn, dass er immer den geraden Weg wählt, um das zu sagen, was er für wichtig hält. Und dies fordert ihm keinerlei Anstrengung ab. Er schreibt natürlich und spontan.” Vielleicht wäre das für deutsche Leser ebenfalls Grund genug, dieses grossartige Werk, an dem der Autor von 1863 bis 1868 arbeitete, wieder einmal aus dem Bücherschrank zu holen, um es neu zu lesen. Denn bei jeder erneuten Lektüre von “Krieg und Frieden” lässt sich viel Neues entdecken.

Denkmal in Borodino:

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog: 

https://olivia2010kroth.wordpress.com 

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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