Olivia Kroth: Michail Scholochows Roman “Stiller Don” als Dokument des I. Weltkriegs und kosakischen Lebens

Michail Scholochows Roman “Stiller Don” als Dokument des I. Weltkriegs und kosakischen Lebens

von Olivia Kroth

 

Michail Alexandrowitsch Scholochow (1905-1984)

Am 1. August 1914 erklärte das Deutsche Reich dem Russischen Reich den Krieg, eine Aktion von weit reichenden Konsequenzen. Die Deutschen verloren den Ersten ebenso wie den Zweiten Weltkrieg. Gegen Russland sollte kein westlicher Staat jemals Krieg führen. Sie sind den Russen nicht gewachsen. Der Roman “Stiller Don” des russischen Stalin-, Lenin- und Nobelpreisträgers für Literatur, Michail Alexandrowitsch Scholochow (1905-1984), handelt von dem Schicksal der Donkosaken während des Ersten Weltkriegs und der sich anschliessenden Oktoberrevolution im Jahr 1918. Zudem bietet er ein breites, vielschichtiges Panorama kosakischen Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts.  

In dem Roman liest sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der Einfall deutscher Truppen in Russland so: “Die Kosaken ritten in schnellem Trab. Jetzt sahen sie die blauen Uniformen der deutschen Dragoner. ‘Eröffnet das Feuer!’, schrie Astachow und sprang aus dem Sattel. Aufrecht, die Zügel um die Hände gewunden, feuerten sie die erste Salve. Das Pferd von Iwanchow bäumte sich auf und warf seinen Reiter ab. Im Fallen sah Iwanchow, wie einer der Deutschen starb.”

Dies war einer der ersten toten Deutschen in Russland. Viele sollten ihm folgen. In seinem Meisterwerk schildert Michail Scholochow nicht nur die Wirren des Ersten Weltkriegs, wie die Donkosaken sie erlebten, sondern auch den Fall des Zarenreichs, ausgelöst durch die Kriegsereignisse. Viele der vormals zarentreuen Kosakenregimenter schlossen sich nach 1918 den Bolschewiken an und unterstützten sie militärisch. Später gab es Kosakenregimenter in der Roten Armee, die der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs treue Dienste leisteten.

Bolschewistische Kosaken

In dem Roman ist die Figur des Ilja Buntschuk ein bolschewistischer Kosake. Er schiesst einem zarentreuen Offizier in den geöffneten Mund, als dieser eine Rede halten will, um die bolschewistischen Kosaken für die Sache des Zaren zurückzugewinnen. Später erklärt Ilja Buntschuk einem Kameraden seine Beweggründe für die Tat: “Entweder sie oder wir! Es gibt keinen Mittelweg. Leute wie ihn muss man töten wie Vipern.”  In grösserem Ausmass werden “Vipern” gegen Ende des Romans getötet, als bolschewistische Donkosaken gefangene Konter-Revolutionäre niedersäbeln.

Zwei bolschewistische Donkosaken unterhalten sich im Lauf des Romans über Wladimir Iljitsch Lenin. Die Romanfigur Tschichamassow behauptet: “Er ist ein Kosake aus dem Kosakendorf Weliki Koknijeskaja. Er hat in der Artillerie gedient. Übrigens sieht man das an seiner Physiognomie. Er ist ein Kosake vom unteren Don: die hohen Wangenknochen, die schräg stehenden Augen. Es ist wahr, er ist ein Kosake, nur sagt er das jetzt nicht. Er wird noch ganz Andere stürzen, nicht nur den Zaren. (…) Nein, Mitrich, diskutiere nicht! Lenin ist ein Kosake.”

Der Autor des Romans

Michail Scholochow war selbst kosakischer Abstammung. Er wurde in der Staniza Wjoschenskaja, Oblast Rostow, geboren. 1918 schloss er sich den Bolschewiken an. 1923 zog er nach Moskau, wo er als Journalist und Schriftsteller arbeitete. Nach seinen “Erzählungen über den Don” (1926) erschien der Roman “Stiller Don”. Er arbeitete 14 Jahre lang an dem Werk von 2.000 Seiten (1926-1940), das in vier Bänden zu je 500 Seiten erschien.

Der Autor erhielt für diesen Roman 1941 den Stalinpreis, 1955 den Leninorden, 1960 den Leninpreis und 1965 den Nobelpreis für Literatur. Das Nobelpreiskomitee gab folgende Begründung für die Auswahl: “Der Nobelpreis für Literatur 1965 geht an Michail Scholochow wegen der künstlerischen Kraft und Integrität, mit welcher er in seinem epischen Roman ‘Stiller Don’ eine historische Phase im Leben des russischen Volks gestaltet hat.”

Das Werk steht in der Tradition des russischen Historien- und Gesellschaftsromans als würdiger Nachfolger von Lew Tolstois “Krieg und Frieden”. In epischer Breite wird das Leben der Donkosaken zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschildert. Der Roman spielt in dem Zeitraum von 1912 bis 1922. Die Donkosaken genossen in ihren Dörfern (Stanizas) am südlichen Don weitreichende Rechte und Freiheiten, die anderen Bewohnern des Zarenreichs verwehrt blieben. So zahlten sie keine Steuern, dienten nicht als Leibeigene und besassen eigenes Land. Die Donkosaken lebten von Landwirtschaft und Viehzucht. Sie waren für ihre Reitkünste berühmt.

Donkosaken wussten gut mit Lanze und Säbel, Karabiner und Pistole umzugehen. Als kriegerische Gemeinschaft waren sie ständig in Feldzügen engagiert, weshalb es in einem alten Volkslied der Donkosaken heisst: “Es ist nicht der Pflug, der diese glorreiche Erde bearbeitet. / Unsere Erde wird von den Hufen der Pferde aufgewühlt. / Unsere Erde ist mit Köpfen von Kosaken übersät. / Unser friedlicher Don ist mit jungen Witwen geschmückt. / Unser Vater, der Don, hat viele Waisenkinder. / In den Wellen des friedliebenden Dons rollen die Tränen von Vätern und Müttern.”

An vielen Stellen des Romans fliessen lyrische Passagen über den Don ein, so ruhig oder bewegt wie der Fluss selbst, der sein Gesicht im Lauf des Wechsels von Tag zu Nacht und den vier Jahreszeiten stetig ändert: “Abends färbte sich der Himmel im Westen kirschrot. Der Mond ging hinter der grossen Pappel auf. Sein Licht breitete sich wie eine weisse, kalte Flamme über dem Don aus. In der Nacht vermischten sich die Geräusche des Wassers mit den Stimmen unzähliger Entenschwärme, welche südwärts flogen.”

Weihnachtslektüre

Leider ist dieser grossartige Roman heute fast in Vergessenheit geraten. Es lohnt sich, ihn zu lesen, nicht nur wegen der reichhaltigen Informationen über den Ablauf des Ersten Weltkriegs im südlichen Russland, sondern vor allem als Dokument kosakischen Lebens am Don. Vielleicht wäre das Buch eine geeignete Weihnachtslektüre? Dieses Weihnachtslied der Donkosaken aus dem Roman darf als Einladung gelten: “Frost und Kälte, Eis zur Weihnachtszeit, schlimmes Eis, / ihr habt den Wolf erfrieren lassen, / ihr habt auch Liebe in das Haus gebracht.”

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog: https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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