Olivia Kroth: Künstlerisches Moskau – Das Wohnhaus des Malers Wiktor Wasnezow

Künstlerisches Moskau: Das Wohnhaus des Malers Wiktor Wasnezow

von Olivia Kroth

Der russische Maler Wiktor Michailowitsch Wasnezow, am 15. Mai 1848 im Gouvernement Wjatka geboren, lebte von 1894 bis zu seinem Tod am 23. Juli 1926 in Moskau. Er entwarf selbst die Pläne für das Haus, welches im Stil einer russischen Isba gebaut ist. Es steht in der  Moskauer Wasnezow-Strasse und ist heute eine Gedenkstätte für den Künstler, der durch seine Bilder zu historischen und mythologischen Themen Russlands berühmt wurde.  Im Erdgeschoss geben uns die Wohnräume einen Einblick in das tägliche Leben der Familie. Im Obergeschoss sind etliche grosse Gemälde von Wiktor Wasnezow zu besichtigen. 

Museum: Wohnhaus von Wiktor Wasnezow

Wiktor-Wasnezow-Gasse 13, Moskau

Metrostation: Sucharewskaja

Telefon: 7.495.681.1329

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr

Montag, Dienstag und jeden letzten Donnerstag des Monats geschlossen

Eintritt: 250 Rubel

 Der Lebensweg des Malers endete erst nach mehreren Stationen in Moskau. 1867 studierte er an der Petersburger Kunstakademie Malerei. Dort freundete er sich mit den Malern Iwan Kramskoi und Ilja Repin an. Er trat der Künstlerbewegung “Die Wanderer” (Peredwischniki) bei. 1882 entwarf er die Kirche in Abramzewo mit Unterstützung des Künstlers Wiktor Polenow. Von 1884 bis 1889 malte Wiktor Wasnezow Fresken in der Wladimir-Kathedrale von Kiew. Hier wurde der Maler Michail Wrubel sein Freund, der gleichfalls diese Kathedrale ausgestaltete. Schliesslich gelangte Wiktor Wasnezow 1894 nach Moskau, wo er sein Wohnhaus im Stil der russischen Renaissance-Architektur errichten liess. Es steht heute immer noch, umgeben von einem kleinen Garten, inmitten von Hochhäusern im Zentrum von Moskau.

Im Erdgeschoss sehen wir die Wohnräume der Familie Wasnezow. Überall sind die Wände und Decken holzgetäfelt. Wuchtiges Mobiliar aus Holz im altrussischen Stil erweckt den Eindruck, als stünde dieses Haus in einer ländlichen Gegend, wo Bauern leben. In jedem Raum erinnert ein deckenhoher Kachelofen daran, wie früher in den kalten Wintern geheizt wurde. Das grosse Esszimmer dominiert ein langer Esstisch aus Holz, mit einem doppelköpfigen Adler als Intarsie eingelegt. Hier ass die Familie Wasnezow. Am Flügel spielten die Kinder Klavier. In zwei bäuerlichen Holzanrichten war viel Platz für Geschirr. An der gegenüberliegenden Wand hängt ein Porträt des Sohns Wladimir Wasnezow.

Porträt von Wiktor Wasnezows Sohn Wladimir (1899):

Im Obergeschoss befand sich das Atelier des Malers. Hier ist ein Teil seiner monumentalen Werke ausgestellt. Darunter befinden sich etliche überdimensional grosse Gemälde mit Themen aus der russischen Mythologie. “Der fliegende Teppich” (1918-1926) zeigt ein Liebespaar, das auf einem Teppich über den Wolken fliegt. Unter ihnen liegen russische Birkenwälder mit Felsen. “Die schlafende Zarentochter” (1900-1926) ist ein sehr grosses Bild im Querformat. Es steht in einem Gestell auf dem Fussboden. Ähnlich wie das Dornröschen der Gebrüder Grimm ist die Zarentochter eingeschlafen. Sie liegt auf einem Tisch in einer Säulenhalle, deren rote Säulen den Blick auf Birken und Tannen im Hintergrund freigeben. Rings um den Tisch herum sind Diener und Gefolge ebenfalls eingeschlafen. Die Spielleute halten im Schlaf ihre Instrumente auf dem Schoss. Ein Bär und ein Fuchs kauern schlafend zu Füssen des Tischs, während ein Pfau auf einem Baumstumpf ausserhalb der Säulenhalle schlummert.

“Die Froschprinzessin” (1918) hängt an der gegenüberliegenden Wand. Die junge Frau trägt lange geflochtene Zöpfe, welche ihr bis zu den Waden reichen. Auf ihrem rotblonden Haar sitzt eine russische Krone. Das grüne bodenlange Gewand wallt im Rhythmus der Tanzschritte, während der rechte Arm mit einem weissen Taschentuch winkt. Die Schuhe sind reich bestickt. Je drei Spielleute sitzen links und rechts an der Wand. Sie spielen auf traditionellen russischen Blas- und Zupfinstrumenten zum Tanz. Eine Balalaika ist auch dabei. Auch auf diesem Bild schweift der Blick vom Tanzplatz durch ein grosses Bogenfenster ins Freie, wo auf einem blauen Teich weisse Schwäne schwimmen. Im Bildhintergrund steht ein kleines Dorf mit Holzhütten. Hier wiederholt sich das Tanzmotiv spiegelbildlich: eine Gruppe von Dorfmädchen tanzt einen Reigen.

Das Gemälde “Die Froschprinzessin” (1918) entstand nach dem gleichnamigen russischen Volksmärchen: Drei Söhne des Zaren suchten Ehefrauen. Deshalb schossen sie Pfeile in verschiedene Richtungen ab. Der Pfeil des ersten Zarensohns fiel in den Hof eines Adligen. So ehelichte er die adlige Tochter. Der Pfeil des zweiten landete im Hof eines Kaufmanns. Dieser Zarensohn heiratete die Kaufmannstochter. Der Pfeil des dritten Zarensohns flog über die Sümpfe und wurde von einem Frosch aufgehoben, der allerdings eine verwünschte Prinzessin war. Nach vielen gefährlichen Abenteuern gelang es dem jüngsten Zarensohn, die Prinzessin zu erlösen und als Braut heimzuführen.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere entwarf Wiktor Wasnezow 1898 den russischen Pavillon für die Weltausstellung in Paris. 1904 wurde er beauftragt, die Tretjakow-Galerie in Moskau zu planen. Von 1906 bis 1911 entstand nach seinen Plänen die Kathedrale Alexander Newski in Moskau. Er war so beliebt, dass er 1912 von Zar Nikolaus II. geadelt wurde. Nach der Oktoberrevolution von 1918 entwarf der Künstler die Militäruniform der neu gegründeten Roten Armee. In den letzten Jahren seines Lebens widmete sich Wiktor Wasnezow in seinen Werken vorwiegend religiösen Themen.

Tretjakow-Galerie in Moskau, nach Plänen von Wiktor Wasnezow errichtet:

Ein Besuch der Tretjakow-Galerie sollte unbedingt den Räume 25 und 26 einschliessen, wenn man weitere Werke von Wiktor Wasnezow sehen möchte. Hier sind 30 Gemälde ausgestellt, die er im Zeitraum von 1876 bis 1909 malte: Genrebilder aus dem täglichen Leben der Russen, Gemälde mit historischen und mythologischen Themen, Landschaften und Porträts. “Nach Fürst Igors Schlacht gegen die Polowzi” aus dem Jahr 1880 ist einem historischen Ereignis gewidmet. Fürst Igor Swjatoslawitsch der Mutige (1151-1202) war ein russischer Fürst aus der Dynastie der Rurik. Die Chroniken berichten, dass er in seiner militärischen Karriere erfolgreich gewesen sei. Er führte viele Feldzüge gegen die Polowzi durch. Seine letzte Schlacht endete allerdings unglücklich für ihn. Die Polowzi schossen ihn an und nahmen ihn gefangen. Durch eine List konnte Fürst Igor ihnen entkommen und kehrte nach Hause zurück. Das Bild von Wiktor Wasnezow zeigt tote Krieger auf dem Schlachtfeld.

Die Polowzi waren ein mongolischer Volksstamm, der in der Steppe nördlich des Schwarzen Meers lebte. Ursprünglich nomadische Hirten, wurden sie im 12. Jahrhundert in dieser Gegend sesshaft. Die Polowzi betätigten sich als Sattler, Schuster und Schmiede. Sie lebten in Jurten, den faltbaren Zelten der Nomaden. Sie glaubten an gute und böse Geister, praktizierten Schamanismus und errichteten Steinstatuen zur Ehrung ihrer Toten. Ihren Klans stand ein Bey vor, die Klans fügten sich zu Horden zusammen, über welche ein Sultan regierte. Wie alle mongolischen Nomaden übten sie Blutrache aus. Mit ihrer leichten, beweglichen Reiterei überfielen sie häufig russische Siedlungen.

Von den Kämpfen des russischen Volks gegen die Polowzi wird in verschiedenen Chroniken berichtet, unter anderem in “Geschichte von Igors Feldzug”. Fürst Igor erwarb unsterblichen Ruhm dank eines Gedichts auf ihn, das eines der ältesten russischen Literaturdenkmäler darstellt. Doch der Dichter bleibt anonym. Später komponierte Alexander Borodin die Oper “Fürst Igor” und Wiktor Wasnezow malte das Bild “Nach Fürst Igors Schlacht gegen die Polowzi”. Der Maler nannte sich selbst einen “Geschichtenerzähler der weit zurückliegenden Folklore von Rus”. Er stellte in seinen historischen Gemälden die Kraft und Macht des russischen Volks dar, wie sie durch die Helden der alten russischen Epen verkörpert wurde, die ihr Heimatland verteidigten. Wiktor Wasnezow würdige ihre “ruhige Kraft und triumphierende Macht”. Nach seinen eigenen Worten wollte er sie “im nationalen künstlerischen Bewusstein lebendig erhalten”.

Nach Fürst Igors Schlacht gegen die Polowzi (1880):

Sowohl im ehemaligen Wohnhaus als auch in der Tretjakow-Galerie sind eine Reihe von Porträts zu sehen, die Wiktor Waznezow malte. Unter anderem fertigte er etliche Bilder von Mitgliedern der Industriellenfamilie Mamontow an, zum Beispiel das von Tatjana Anatoljewna Mamontowa (1864-1920). Sie war die Tochter von Anatoli Iwanowitsch Mamontow, dem Herausgeber und Eigentümer eines Verlags und einer Buchhandlung in Moskau. Tatjana war die Nichte von Sawwa Iwanowitsch Mamontow, dem Mäzen des Malerzirkels in Abramzewo, zu dem auch Wiktor Wasnezow gehörte. Das Porträt zeigt die 20jährige Tatjana mit kurzen Haaren, von einem hellen Hut bedeckt, wie sie sich im Garten an einen Baumstamm lehnt. Die junge Frau trägt ein geblümtes Kleid mit hellem Spitzenkragen und Spitzenmanschetten an den Ärmeln, eine Perlenkette um den Hals und in der rechten Brusttasche ein Einstecktuch. Erwartungsvoll und auch ein wenig skeptisch blickt sie den Maler an. Ob ihr das Porträt wohl gefiel?

Ihr Onkel Sawwa Iwanowitsch Mamontow (1841-1918) war ein bekannter russischer Industrieller des 19. Jahrhunderts, der sich im Eisenbahnbau betätigte. Er war Kapitalgeber und Mitbegründer der Moskau-Jaroslawler Eisenbahn. Dieser Streckenabschnitt gehört heute zur Transsibirischen Eisenbahn. Schon früh zeigte Sawwa Mamontow kulturelles Interesse und förderte die Kunst. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Abramzewo, einem russischen Dorf in der Nähe von Moskau, wo sich eine Malerkolonie angesiedelt hatte, die er finanziell unterstützte. Auch Wiktor Wasnezow gehörte zu diesem Kreis und erhielt Aufträge für Porträts der Familie Mamontow. Heute ist Abramzewo der Haltepunkt am 57. Kilometer der Transsibirischen Eisenbahn.

Porträt von Tatjana Mamontowa (1884):

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
Esta entrada fue publicada en Rusia y etiquetada , , , , , , , , , , , . Guarda el enlace permanente.

Responder

Introduce tus datos o haz clic en un icono para iniciar sesión:

Logo de WordPress.com

Estás comentando usando tu cuenta de WordPress.com. Cerrar sesión / Cambiar )

Imagen de Twitter

Estás comentando usando tu cuenta de Twitter. Cerrar sesión / Cambiar )

Foto de Facebook

Estás comentando usando tu cuenta de Facebook. Cerrar sesión / Cambiar )

Google+ photo

Estás comentando usando tu cuenta de Google+. Cerrar sesión / Cambiar )

Conectando a %s