Olivia Kroth: Künstlerisches Moskau – Wassili Wereschtschagin im Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812

Künstlerisches Moskau: Wassili Wereschtschagin im Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812

von Olivia Kroth

Wassili Wassilijewitsch Wereschtschagin war ein russischer Maler, der Landschaften und Porträts schuf, aber hauptsächlich durch seine historischen und zeitgenössischen Schlachtenszenen internationalen Ruhm gewann. Er wurde am 26. Oktober 1842 in Tscherepowez geboren und starb am 13. April 1904 auf dem russischen Flaggschiff “Petropawlowsk” , als dieses im Russisch-Japanischen Krieg kurz vor dem Hafen von Port Arthur in der russischen Mandschurei auf eine japanische Mine lief. Wassili Wereschtschagin besass zwar kein Haus in Moskau, das uns heute als Museum in sein Leben und Werk einführen kann, aber 18 seiner Gemälde sind im Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812 zu sehen. Dieser Krieg beschäftigte russische Maler, Musiker und Schriftsteller nachhaltig, denn er war ein einschneidendes Erlebnis für die Russen. Der Einfall Napoleons in Russland, der Kampf gegen die Eindringlinge und die Vertreibung der französischen Grande Armée beeinflusst die russische Psyche bis heute. Zum 200. Jahrestag wurde deshalb 2012 in Moskau direkt am Kreml das Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812 eingerichtet. Es zeigt unter anderem die Serie von Wassili Wereschtschagins Bildern “1812: Napoleon I. in Russland”. Der Maler arbeitete über ein Dutzend Jahre an diesem Gemäldezyklus. “Napoleon I. in Russland” beschäftigte den Maler, der 30 Jahre nach dem Ereignis geboren wurde, von 1887 bis circa 1900. 

Wassili Wereschtschagins Gemälde “Napoleon I. im Moskauer Petrow-Palast”, 1895 entstanden, ist eines der Exponate im Moskauer Museum des Kriegs von 1812:

Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812

Platz der Revolution Nr. 2/3 (vor dem Kreml)

109012 Moskau

Telefon: 7.495.6924019

Metrostationen: “Platz der Revolution” oder “Teatralnaja”

Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag von 10 Uhr bis 19 Uhr; Donnerstag von 11 Uhr bis 21 Uhr; Dienstag ist Ruhetag

Eintritt: 200 Rubel

http://1812shm.ru/#_=_

Wassili Wereschtschagin stammte aus einer Adelsfamilie. Der Vater hatte für ihn eine militärische Karriere geplant. Nachdem der Junge die Marineschule in Sankt Petersburg abgeschlossen hatte, entschied er sich jedoch für eine künstlerische Laufbahn und schrieb sich an der Kunstakademie ein. Sein Vater wurde so zornig, dass er alle finanzielle Unterstützung für Wassili einstellte. Aber der junge Maler sah sich sehr bald in der Lage, seine Kunstwerke zu verkaufen, in der Lebensmitte war er reich. Er veräußerte seine Bilder in Russland und im Ausland. Heute sind viele Museen und private Sammler rund um den Globus stolz darauf, einige seiner außergewöhnlichen Gemälde zu besitzen.

 

Wassili Wereschtschagin als Kadett (1859)

Im Moskauer Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812 ist ein ganzer Raum Wassili Wereschtschagin gewidmet. Auf der einen Seite hängen 10 Bilder, die sich mit der Schlacht von Borodino und Napoleon in Moskau befassen. Auf der anderen Seite sind acht Gemälde zu sehen, auf welchen Napoleons Rückzug aus Russland thematisiert wird. Die Schlacht von Borodino erwies sich als Wendepunkt dieses Krieges. Circa ein Drittel von Napoleons Soldaten wurden getötet oder verwundet. Durch Rückzug bewahrte die russische Armee ihre Kampfstärke und zwang Napoleon, das Land zu verlassen.

 In dieser entscheidenden Schlacht, die bei Borodino stattfand, einem kleinen Dorf im heutigen Distrikt Moschaisk des Oblast Moskau, wurde die russische Armee von General Michail Illarionowitsch Kutusow (1745 – 1813) geführt, der als einer der besten russischen Generäle des 18. Jahrhunderts gilt. Zur Anerkennung seines Verdienstes wurde er zum Feldmarschall befördert und mit dem Titel “Seine Hoheit, Fürst von Smolensk” ausgezeichnet. Der russische Dichter Alexander Puschkin schrieb eine berühmte Elegie für Feldmarschall Kutusow, der auch als Figur in Leo Tolstois Roman Krieg und Frieden vorkommt.

In seinem monumentalen Werk, von 1863 bis 1868 geschrieben, charakterisierte Tolstoi den russischen Feldmarschall als geduldigen und weisen Führer. Das mag ziemlich nah bei der historischen Wahrheit liegen, denn Michail Kutusow war bei den Truppen beliebt. Er war ein mutiger Mann, der für das Wohlergehen seiner Soldaten sorgte. Feldmarschall Kutusow war auch ein gläubiger Mensch. Deshalb war stand er in hohem Ansehen bei den Priestern der russisch-orthodoxen Kirche.

Vitrine avec des uniformes et des armes de l'armée russe

Ausstellung russischer Uniformen im Moskauer Museum des Kriegs von 1812

Feldmarschall Kutusow beschloss nach der Schlacht bei Borodino, die russische Armee zurückzuziehen, um sie so lange wie möglich zu schonen. Dafür musste Moskau einen hohen Preis zahlen. Die Bevölkerung der Stadt wurde evakuiert und Moskau absichtlich niedergebrannt, so dass Napoleons Truppen weder Nahrung noch Wasservorräte in der zerstörten Stadt fanden. Michail Kutusows Entscheidung erwies sich letztlich als richtig. Napoleon musste den Rückzug antreten und verlor auf dem Weg nach Frankreich einen Großteil seiner “Großen Armee”.

Leo Tolstoi schrieb darüber in seinem Roman Krieg und Frieden (Zweiter Teil, drittes Buch): “Heute sehen wir deutlich die Gründe, welche 1812 zur Niederlage der französischen Armee führten. Niemand wird anzweifeln, dass teils das Vordringen in Russland dafür verantwortlich war. Die Franzosen hatten sich nicht auf einen Winterfeldzug vorbereitet, doch das Jahr war bereits fortgeschritten. Zum anderen Teil war die Natur dieses Krieges so, dass russische Städte verbrannten, die russische Bevökerung verzweifelte und den Feind hasste.”

Витрина с личными вещами Александра I

Napoleons Hybris führte zu seinem Fall. Seine Arroganz und sein ungezügelter Ehrgeiz führten dazu, dass er den Kontakt zur Realität verlor. Er überschätzte seine eigene Fähigkeit und Kompetenz, während er die russische Armee, die Größe des russischen Territoriums und die Strenge des russischen Winters unterschätzte. Leid und Strafe sollten auf dem Fuße folgen.  Ein Gemälde von Wassili Wereschtschagin mit dem Titel “Frieden um jeden Preis!” zeigt Napoleon in Moskau.

Der Maler hat den französischen Kaiser auf dem Höhepunkt seiner Hybris abgebildet. Wir sehen einen untersetzten, fetten Mann mit Trommelbauch und einem bäurischen Gesicht. Seine Lippen sind fest zusammengepresst, seine Augen blicken wütend, weil die Russen sich nicht ergeben wollen.  Sein Gesichtsausdruck ist immer noch kindlich, aber nunmehr auch beleidigt. Er sieht aus wie ein Dorfbulle in einem Moskauer Salon, der neben einem eleganten Marmorkamin steht. Wir erwarten jeden Augenblick, dass er mit dem Fuß auf den Boden stampft und schreit: “Frieden um jeden Preis!”

Wassili Wereschtschagin: “Napoleon auf dem Poklonnaja-Hügel vor Moskau”

Auch Leo Tolstoi äusserte sich abfällig über Napoleon, den er in seinem Roman Krieg und Frieden (Drittes Buch, dritter Teil) als anmassend und pompös schilderte. Napoleon erlebte sein erstes Fiasko vor den Toren Moskaus, als er die russichen Bojaren einberufen wollte, um die Übergabe der Stadt zu verhandeln. Doch der französische Kaiser wartete vergeblich. Die Bojaren erschienen nicht: “Zwei Stunden waren bereits abgelaufen. Napoleon ass zu Mittag und platzierte sich in Erwartung der Delegation auf dem Poklonnaja-Hügel. Seine Rede, die er vor den Bojaren halten wollte, hatte sich mittlerweile in seinem Geist geformt. Sie war geprägt von Würde und dieser Grossartigkeit, welche Napoleon verstand. Es endete damit, dass er sich zu einer grosszügigen Haltung gegenüber Moskau hinreissen liess. Aber warum liess die Delegation so lange auf sich warten?”

Der Autor verwendete eine ganze Seite auf die Schilderung der Gedanken von Napoleons Untergebenen: “Seine Untergebenen fragten sich indes angstvoll, wie man ihm die Sache kundtun sollte, wie man es ihm sagen konnte, ohne Seine Majestät in jene schreckliche Lage zu versetzen, welche die Franzosen lächerlich nennen. Sie zuckten mit den Achseln und wagten nicht, das schreckliche Wort auszusprechen – die Lächerlichkeit! Der Kaiser jedoch, vom langen Warten ermüdet, spürte mit seinem Instinkt eines Schauspielers, dass durch Hinauszögern die grandiose Minute ihre Grandiosität zu verlieren begann, also gab er ein Handzeichen. Ein Kanonendonner ertönte und nach diesem Signal rückten die französischen Truppen von mehreren Seiten her in die Stadt ein.”

Витрина с личными вещами Александра I

Statt Frieden zu schliessen, hatte die Verwaltung von Moskau beschlossen, die Stadt in Brand zu setzen, damit die französischen Truppen keine Vorräte fanden. Am 14. September 1812 begann das Stadtviertel Samoskworetschje zu brennen.  Der Name bedeutet “Jenseits der Moskwa”. Es befindet sich dem Kreml gegenüber auf der Südseite der Moskwa. Hier wohnten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Händler und Kaufleute. Was sie nicht evakuieren konnten, wurde angezündet. Von den Warenlagern sprang das Feuer auf die Holzhäuser über. Zusätzlich verbreitete ein starker Wind das Feuer. Wassili Wereschtschagins Gemälde zeigt ein Flammenmeer in Orangerot, das zwischen der Sankt-Basilius-Kathedrale und dem Spasskaja-Turm des Kreml lodert.

Wassili Wereschtschagin: “Brand von Moskau”

Die Kosten des französischen Kriegszuges erwiesen sich als hoch. Auf dem Rückweg wurde die “Große Armee” schwer beschädigt, fast ausgelöscht. Über 400.ooo französische Soldaten waren ausgezogen, um Russland zu erobern. Weniger als 40.000 kehrten heim. Ihre Pferde fanden keinen Halt auf Schnee und Eis, weil ihnen Hufeisen für den Winter fehlten. Die französischen Soldaten waren nicht für das Überleben in Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gerüstet. Viele von ihnen erfroren oder verhungerten, während die Russen ihre Taktik der verbrannten Erde anwandten. Sie verbrannten alle Dörfer, durch welche die französischen Truppen zogen, und ließen weder Nahrung noch Wasser übrig. Napoleon war daran gewöhnt, besetzte Länder zu plündern und Nahrung zu requirieren, aber dies war in Russland nicht möglich.

Leo Tolstoi beschrieb in Krieg und Frieden (Viertes Buch, dritter Teil) den Rückzug der Franzosen ausführlich: “Als ab dem 28. Oktober die grossen Fröste einsetzten, nahm der französische Rückzug einen noch tragischeren Charakter an. Die einen froren oder rösteten sich am Lagerfeuer, so dass sie fast starben, die anderen – der Kaiser, die Könige und Herzöge – fuhren im Wagen, in ihre Felle eingehüllt, wobei sie die Beute von Plünderungen mit sich führten. Die Franzosen marschierten, ohne zu wissen, wohin oder warum sie marschierten. Am allerwenigsten wusste es der geniale Napoleon, weil niemand ihn informierte.”

Вводная зона. Вид из экспозиции

Ausstellung im Moskauer Museum des Vaterländischen Kriegs von 1812

Ein anderes Gemälde von Wassili Wereschtschagin mit dem Titel “Nachtlager der Großen Armee, 1812″ zeigt den dürftigen Rest der französischen Soldaten. Sie liegen eng beieiander unter dünnen Decken, auf dem gefrorenen Erdreich schlafend. Ein Schneesturm fegt über sie hinweg. Im Vordergrund sehen wir einen gebrochenen Wagen, unter Schneewehen begraben. Reihenweise spießen Bajonettspitzen in die bläulich-grün-graue Luft. Wir fragen uns, wie viele von diesen Soldaten noch leben, wie viele bereits tot sind. Wassili Wereschtschagin war offensichtlich kein Freund der Franzosen. Die Betrachter seiner Bilder können die Genugtuung des Malers spüren, der die Verluste der Franzosen während ihres schamvollen Rückzugs dargestellt hat.

Einige dieser schlafenden Franzosen haben wahrscheinlich Frankreich nie mehr gesehen. Sie wurden beständig von russischen Bauern und leichter Kavallerie der Kosaken angegriffen. Die kosakischen Reiter der russischen Steppe waren gut geeignet für Ausspähung,  Erkundung sowie Angriffe gegen die Flanken, Nachhut, Versorgungs- und Kommunikationslinien der Feinde. Napoleon bewunderte die Kosaken. “Kosaken sind die besten leichten Truppen, die es gibt. Wenn ich sie in meiner Armee hätte, würde ich mit ihnen durch die ganze Welt ziehen”, stellte er fest.

Wassili Wereschtschagin: “Nachtlager der Großen Armee auf dem Rückzug”

So wie Wassili Wereschtschagin mit den Mitteln eines Malers dieses einschneidende Ereignis in der russischen Geschichte darstellte, so gelang es Leo Tolstoi als Schriftsteller, den Krieg von 1812 in den Mittelpunkt seines Romans von etwa 2000 Seiten zu stellen. In reflektierenden, philosophischen Passagen machte er sich zudem in Krieg und Frieden (Drittes Buch, erster Teil) Gedanken über die Natur des Krieges und die Bedeutung sogenannter “grosser Männer”. Er meinte, dass jedes Menschenleben zwei Gesichter präsentiere, ein persönliches und ein soziales: “Der Mensch lebt auf bewusste Weise für sich selbst, aber unbewusst dient er als Instrument für historische und soziale Zwecke. Je höher ein Mensch auf der sozialen Leiter steht, desto weiter gespannt ist sein Netzwerk der Beziehungen zu anderen Menschen und desto mehr Autorität besitzt er über andere Menschen.”

Auf der anderen Seite stand der russische Zar Alexander, der diesen Angriff persönlich übel nahm: “In Russland einzufallen ohne Kriegserklärung! Ich werde nicht Frieden schliessen, solange auch nur ein einziger bewaffneter Feind sich auf dem Boden meines Landes befindet.” Leo Tolstoi beschrieb die Konsequenzen dieses Krieges, der aus einer unseligen Mischung persönlicher wie politischer Motive hoch gestellter Persönlichkeiten entstand, auf fatalistische Weise: “Die Menschen des Westens zogen zu denen im Osten, um sich gegenseitig abzuschlachten.” Wer dabei am meisten zu leiden hatte, war das russische Volk. Verluste und Leiden sind tief in der russischen Seele verankert, ebenso wie die gewonnenen Schlachten. Die im Laufe der Patriotischen Kriege  errungenen Siege formen eine starke Schicht in der kollektiven Erinnerung der russischen Nation.

Sowjetische Briefmarke von 1987: “Borodino”

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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