Olivia Kroth: Zum 30. Todestag des russischen Polarforschers Iwan Papanin

Zum 30. Todestag des russischen Polarforschers Iwan Papanin

von Olivia Kroth

Iwan Dmitrijewitsch Papanins Leben steht beispielhaft für eine sowjetische Karriere als Polarforscher, Expeditionsleiter, Entdecker des Nordpols und Autor von zwei Büchern über seine abenteuerlichen Forschungsreisen und sein Leben auf einer arktischen Eisdriftstation. Iwan Papanin wurde am 26. November 1894 in Sewastopol auf der Krim geboren, wo er als Matrose zu arbeiten begann. Am 30. Januar 1986 starb er in Moskau als Konteradmiral der sowjetischen Marine, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und “Held der Sowjetunion”, mit dem Orden der Oktoberrevolution und neunfach mit dem Leninorden geehrt. Am 30. Januar 2016 jährt sich sein Todestag zum 30. Mal. 

1914 wurde Iwan Papanin auf der Krim zur russischen Marine einberufen und erlebte als Matrose die Oktoberrevolution von 1917 mit. 1919 trat er der Kommunistischen Partei bei. 1920 arbeitete er als Sekretär des Revolutionären Kriegsrats der Schwarzmeerflotte. 1922 zog er nach Moskau, wo er zum Kommissar der Hauptverwaltung Seetechnik und Seewirtschaft befördert wurde. 1931 reiste er erstmals in die russische Arktis. Nach dieser Reise bewarb er sich am Arktisinstitut der Sowjetunion. Im 2. Internationalen Polarjahr 1932/1933 ernannte man ihn zum Leiter der Polarstation in der Tichajabucht auf Franz-Josef-Land. Hier erforschten sowjetische Wissenschaftler die Erdatmosphäre und verfolgten, wie sich Funkwellen durch Reflexion an der Ionosphäre ausbreiteten.

1934 baute Iwan Papanin am Kap Tscheljuskin auf der Halbinsel Taimyr eine bereits vorhandene sowjetische Polarstation weiter aus. Dieser nördlichste Punkt des asiatischen Festlands war für die Sowjetunion von strategischem Interesse, weil die hier vorbeiführende Wilkizkistrasse die einzige eisfreie Verbindung zwischen Karasee und Laptewsee darstellte. Unter Iwan Papanins Leitung wurden hier 1934 Depots, Wohnhäuser, wissenschaftliche Stationen und ein Windrad aufgebaut, um geophysikalische, hydrologische und meterologische Forschung zu betreiben.

Halbinsel Taimyr:

Auch heute noch ist die Halbinsel Taimyr kaum bewohnt. Die Winter sind lang und sehr kalt, die Sommer kurz und nebelreich. Die Flora besteht aus Tundra mit Moosen und Flechten, die Fauna aus Eisbären, Rentieren, Walrössern und Weisswalen. Hinzu kommen im Sommer Millionen von Meeresvögeln. Die Rentierherden von Taimyr sind die grössten der Erde. Die Anzahl der Rentiere (Rangifer tarandus sibericus) beläuft sich auf eine Million. 1993 wurde hier das Grosse Arktische Schutzgebiet gegründet, ein fast 42.000 Quadratkilometer umfassendes Land- und Meeresgebiet, wo neben den Tieren auch indigene Dolganen und Nganasanen von Fischfang, Jagd und Rentierzucht leben.

1936 entstand eine sowjetische Eisdriftstation am Nordpol, zu deren Leiter Iwan Papanin ernannt wurde. Die Sowjets waren die ersten Menschen am Nordpol. Die Eisdriftstation “Nordpol-1” trieb in 270 Tagen etwa 2.500 Kilometer an der Ostküste von Grönland entlang. Den  sowjetischen Forschern gelang es, zwei Hauptströmungen der Eisdrift in der Arktis nachzuweisen: die Transpolardrift von Sibirien nach Grönland sowie den Beaufortwirbel, welcher sich vor der Nordküste von Grönland im Uhrzeigersinn dreht. Über diese erlebnisreiche Zeit in der Arktis schrieb Iwan Papanin sein erstes Buch. Es trug den Titel “Leben auf einer Eisscholle”. Das Tagebuch von Iwan Papanin erschien 1947 auch in deutscher Übersetzung im SWA-Verlag Berlin.

Iwan Papanin 1937 am Nordpol:

In den Folgejahren unternahm Iwan Papanin viele Vortrags- und Lesereisen, denn er war durch seine Nordpolexpedition und das Tagebuch zu einem der populärsten Sowjetbürger in der Ära von Josef Stalin geworden. 1938 wurde er zum Stellvertretenden Leiter der Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg berufen, 1939 zu ihrem Leiter. In dieser Funktion liess er eine Schiffsreparaturwerft in Murmansk errichten. Er befuhr selbst den gesamten Nördlichen Seeweg von Westen nach Osten und zurück. Die Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg war für ein ausgedehntes Territorium von acht Millionen Quadratkilometer verantwortlich, welches sich zu Land von der Kolahalbinsel bis zur Tschuktschenhalbinsel erstreckte und im Wasser von der Barentsee bis zum Beringmeer.

Der Nördliche Seeweg diente der Wirtschaft und Verteidigung. Deshalb musste er gut erhalten und gesichert werden. Zu diesem Zweck wurden der Hauptverwaltung 16 hydrologische Stationen und das Arktisinstitut der Sowjetunion unterstellt. Auch wurden alle Eisbrecher in die Flotte der Hauptverwaltung eingegliedert. Iwan Papanin liess ab 1938 neue, leistungsstärkere Eisbrecher in Serie fertigen, Seehandbücher erarbeiten und einen Eisdienst einrichten. Ausserdem wurden Flugplätze und ein Netz von Polarstationen mit Funkverbindung aufgebaut. Jenseits des Polarkreises entstanden die neuen Häfen Igarka, Dikson und Pewek.

Von 1948 bis 1951 arbeitete Iwan Papanin als Stellvertretender Direktor des Instituts für Ozeanologie an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Dann wurde für ihn eine eigene Abteilung für Meeresexpeditionen im Präsidium dieser Akademie eingerichtet. Von 1951 bis zu seinem Tod im Jahr 1986 leitete Iwan Papanin die Abteilung für Meeresexpeditionen und trug viele Abhandlungen zu akademischen Handbüchern bei. Russlands Akademie der Wissenschaften wurde 1724 von Zar Peter dem Grossen gegründet. Während der sowjetischen Zeit leistete die Akademie in verschiedenen Bereichen der Naturwissenschaften Pionierarbeit, die sie renommierten Akademiemitgliedern verdankte. Auf  diesen Leistungen basierten die militärischen Erfolge der Sowjetunion, unter anderem auch auf der Entwicklung der ersten sowjetischen Atombombe.

Heute ist die Russische Akademie der Wissenschaften die ranghöchste Forschungseinrichtung der Russischen Föderation. Sie umfasst neun Fachabteilungen, drei regionale Abteilungen, 14 regionale Wissenschaftszentren und Forschungsinstitutionen in ganz Russland. Zunächst befand sich der Hauptsitz in Sankt Petersburg, wurde aber 1934 nach Moskau transferiert. Die Moskauer Zentrale heisst im Volksmund “Goldenes Hirn”. Seit 2013 wird sie von Wladimir Fortow geleitet.

Hauptsitz der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau:

Iwan Papanin  ist der Autor von zahlreichen wissenschaftlichen Texten über Meeresexpeditionen. 1981 veröffentlichte er seine Lebenserinnerungen: “Eis und Flamme”. Sie erschienen 1981 auch in deutscher Sprache im Berliner Dietz-Verlag. Seinen Namen trägt ein Kap auf der Halbinsel Taimyr, eine Gruppe von Nunataks in der Antarktis sowie ein Tiefseeberg im Pazifischen Ozean.

Im Lauf seines Lebens erhielt Iwan Papanin zahlreiche sowjetische Auszeichnungen: neun Leninorden in den Jahren 1937, 1938, Mai 1944, November 1944, 1945, 1956, 1964, 1974 und 1984; zwei Rotbannerorden in den Jahren 1922 und 1950; zwei Rotbannerorden der Arbeit in den Jahren 1955 und 1980; den Orden des Roten Sterns 1945; den Nachimow-Orden 1945; den Orden der Oktoberrevolution 1971; den Orden der Völkerfreundschaft 1982; den Orden des Grossen Vaterländischen Kriegs 1985. Zweimal wurde Iwan Papanin “Held der Sowjetunion” (1937 und 1940). Ausserdem ist er Ehrenbürger der Heldenstadt Murmansk  (1974),  Archangelsk (1975), der Heldenstadt Sewastopol (1979), Lipetsk  und der Region Jaroslawl.

Iwan Papanins Lebenserinnerungen “Eis und Flamme”:

 Iwan Papanins Grundlagenforschung und Pionierleistungen erscheinen uns 2016 in neuem Licht, denn die Russische Föderation baut nun verstärkt ihre militärische und wirtschaftliche Präsenz in der russischen Arktis aus. Dabei kann sie sich die Ergebnisse der Expeditionen von Konteradmiral Iwan Papanin sowie seiner Expeditionsbegleiter zunutze machen. Das Bindeglied stellt die Russische Akademie der Wissenschaften dar, die im Lauf ihrer Existenz seit der Zeit von Peter dem Grossen bis heute durch ihre naturwissenschaftliche Forschungsarbeit auch für den militärischen Bereich wertvolle Erkenntnisse brachte. Wissenschaft und Militär arbeiten in Russland seit jeher eng zusammen, wodurch wertvolle Synergie entsteht, die weithin ausstrahlt.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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