Olivia Kroth: Präsident Putins moderater Optimismus für die russische Wirtschaft

Präsident Putins moderater Optimismus für die russische Wirtschaft

von Olivia Kroth

Die letzten zwei Jahre – 2014 und 2015 – waren wegen westlicher Sanktionen gegen Russland hart für die russische Wirtschaft. Die Ölpreise sanken und die globale Wirtschaftskrise machte sich bemerkbar. Dennoch bleibt der Präsident der Russischen Föderation in gemässigter Form optimistisch, wie er bei dem Forum für russische Kleinunternehmer am 20. Januar 2016 mitteilte: “Die Probleme haben alle Sektoren berührt. Doch muss man anmerken, dass unsere Wirtschaft, auch die kleinen Unternehmen, durchgehalten haben” (SPUTNIK DEUTSCHLAND, 20.01.2016).

Die positive Entwicklung sei am deutlichsten im Bereich der Dienstleistungen bemerkbar, meinte der Präsident. Hier sei die Zahl der registrierten Kleinunternehmen 2015 um 2,9 Prozent gestiegen und die Zahl der selbstständigen Unternehmer habe sogar um 3,7 Prozent zugenommen. “Wir verzeichnen ein moderates Wachstum bei den Gewinnen. Produktionsfirmen in der Kategorie der Kleinunternehmen verbuchten von Januar bis September 2015 um acht Prozent höhere Gewinne, verglichen mit demselben Zeitraum im Vorjahr. Die Gewinne der Grossisten wuchsen von Januar bis September 2015 um 4,5 Prozent”, berichtete Wladimir Putin.

Bei dem Forum der Gesamtrussischen Volksfront (ONF) in Stawropol wiederholte der russische Präsident seinen Gedanken eines “moderaten Optimismus” angesichts der russischen Wirtschaft und forderte unternehmerische Freiheit in Russland: “Wir sollten auf der Basis der Realität sehr vorsichtig agieren und die unternehmerische Freiheit erweitern.” Die Russen sollten nach internen Möglichkeiten der Entwicklung Ausschau halten, denn es gebe “genug davon”. Laut Wladimir Putin bleibt die Hauptaufgabe jedoch, einen angemessenen Lebensstandard für die russische Bevölkerung zu sichern: “Wir müssen dieses Thema fest im Auge behalten, den angemessenen Lebensstandard unseres Volks.” Eine weitere wichtige Aufgabe sei die vorsichtige Nutzung von finanziellen Reserven durch die Regierung, betonte der Präsident (TASS, 25.01.2016).

Das Forum der Gesamtrussischen Volksfront (ONF) fand am 24. und 25. Januar 2016 mit 600 Mitgliedern aus den südlichen Regionen der Russischen Föderation in der nordkaukasischen Stadt Stawropol statt. Unter den Teilnehmern befanden sich föderale undd regionale Wirtschaftsexperten der Gesamtrussischen Volksfront, ausserdem Vertreter der Exekutive und Journalisten. Auch der Präsident der Nordkaukasischen Universität besuchte das Forum, auf dessen Plenarsitzung Präsident Wladimir Putin sprach. Die Nordkaukasische Universität ist das grösste Bildungs- und Forschungszentrum im Süden Russlands (RIA NOVOSTI, 25.01.2016).

Gesamtrussische Volksfront:

Die neue Wirtschaftsrangliste der Weltbank bestätigt Präsident Putins Ansichten. Russland stieg 2015 zum 51. Platz der Rangliste auf. Die Verbesserung um elf Plätze verdankt das Land seinen Wirtschaftsreformen. Neuerdings können sich russische Unternehmen leichter an das Stromnetz anschliessen. Es ist auch einfacher geworden, Baugenehmigungen zu erhalten, Grundbesitz zu registrieren und Verträge juristisch durchzusetzen. “Im Mai 2012 setzte sich Präsident Putin das Ziel, sein Land bis 2015 auf den 50. Platz und bis 2018 auf den 20. Platz der Rangliste zu befördern. Seine Regierung ist nahe daran, diese Vorgaben zu erfüllen” (RUSSIA & INDIA REPORT, 03.11.2015).

Für die grossen Staatsunternehmen hat ein Privatisierungsprogramm begonnen. Am 1. Februar 2016 setzte der russische Präsident bei einem Treffen mit Regierungsmitgliedern den Rahmen fest: “Wir müssen dieses Jahr den konkreten Rahmen für das Privatisierungsprogramm festlegen und entscheiden, wie hoch die Anteile der privaten Organisationen an Staatseigentum sein dürfen. Der Staat darf nicht die Kontrolle über seine strategisch wichtigen Betriebe verlieren. Das Kontrollpaket der Aktien von systembildenden Unternehmen mit staatlicher Beteiligung muss auf jeden Fall in den Händen des Staates bleiben”, betonte Wladimir Putin. So gehen moderater Optimismus und moderate Privatisierung Hand in Hand. Die nächsten Jahre werden für das Überleben der russischen Wirtschaft entscheidend sein.

http://en.kremlin.ru/events/president/news/51249

Grosse Veränderungen machen sich überdies bei Russlands Banken bemerkbar. Sie streben Unabhängigkeit von westlichen Kreditkarten und westlichen Ratingagenturen an. Ende 2015 gründete die russische Zentralbank die einheimische Ratingagentur ACRA, welche mit drei Milliarden Rubel ausgestattet wurde. Die Zentralbank liess verlauten, dass “der russische Markt eine starke Ratingagentur mit einem hohen Mass an Führungsstärke und Professionalität” brauche. Die Agentur solle “die Interessen der russischen Wirtschaft erfüllen und von in- wie ausländischen Investoren respektiert werden ” (RUSSIA TODAY, 14.07.2015). Karl Johansson wurde zum Vorsitzenden von ACRA ernannt. Er war vorher 20 Jahre bei dem Beratungsunternehmen EY tätig. Die Führung von ACRA übernimmt Jekaterina Trofimowa, ehemals Vizepräsidentin der Gazprombank (SALZBURGER NACHRICHTEN, 11.12.2015).

Eine weitere Neuigkeit in Russlands Bankensektor ist die nationale Kreditkarte Mir. Mit ihr steht den Russen die Welt in Frieden offen, denn das russische Wort Mir bedeutet “Welt” oder “Frieden”. Die Ausstellung der Kreditkarte ist Teil eines gross angelegten Programms zur Schaffung eines autonomen russischen Finanzsystems. Ab 2016 wird Mir flächendeckend in der Russischen Föderation eingeführt (RUSSIA BEYOND THE HEADLINES – DEUTSCH, 04.06.2015). Im Dezember 2015 gaben bereits sieben russische Banken Mir-Karten aus: die Gazprombank, MDM, die Moskauer Industriebank, die Sviaz-Bank, RNCB auf der Halbinsel Krim und die Bank Rossija. Weitere 21 Banken begannen im Dezember 2015, die Mir-Karte zu erproben, unter anderem die Sberbank und die Alfa-Bank. Seit Januar 2016 nehmen 39 russische Banken an dem System mit den neuen Mir-Karten teil. Die russische Zentralbank bereitet zudem einen Gesetzesentwurf vor, dass auch ausländische Banken Zugang erhalten, insbesondere die Banken der Eurasischen Wirtschaftsunion und der BRICS-Staaten.

Bald wird die russische Post auch über ihre eigene Bank verfügen. Gemeinsam mit VTB24 wurden die Verträge zur Schaffung der neuen Postbank unterzeichnet. Dmitri Straschnow, Generaldirektor der russischen Post, und Michail Sadornow, Präsident der Bank VTB24, waren bei der offiziellen Gründungsfeier anwesend. Ab März 2016 wird die russische Postbank in ihren Filialen ein Basisprogramm von Produkten anbieten. Postbankkunden können Sparkonten einrichten und eine Bankkarte erhalten. Laut Michail Sadornow sind auch Kredite erhältlich. Die ersten Postbankfilialen werden in Moskau und Sankt Petersburg eröffnet, den beiden grössten Städten der Russischen Föderation. Von 2016 bis 2018 sind 20.000 Postbankfilialen geplant, mindestens 6.500 Schalter in 3.600 Postämtern. Bis 2023 will die Postbank 20 Milliarden Rubel verdienen.

Alles in allem geht es der russischen Zentralbank gut. Es gelang ihr, im Jahr 2015 die Nettokapitalabflüsse zu verringern. 2014 waren rund $153 Milliarden abgeflossen, 2015 nur noch $57 Milliarden. Im Januar 2016 begann die Zentralbank, Daten über ihre internationalen Währungsreserven zu publizieren. Demnach sind Russlands Gold- und Währungsreserven um ein Fünffaches umfangreicher als das Importvolumen für drei Monate (IWF-Methode als Grundlage der Berechnung). Die internationalen Währungsreserven betragen $371,3 Milliarden gegenüber dem Importvolumen von $78 Milliarden. Diese Reserven reichen aus, um 2016 alle Auslandsschulden zu tilgen. Die russische Zentralbank hat sich vorgenommen, in den nächsten Jahren ihre internationalen Reserven auf $500 Milliarden aufzustocken (TASS, 29.01.2016).

Russlands Banken stellen keinen erhöhten Bedarf an Auslandswährungen bei ihren Kunden fest. Sowohl die Sberbank als auch VTB24 sind in der Lage, die Anforderungen ihrer Kundschaft nach Auslandswährungen zu erfüllen (TASS21.01.2016). Offenbar nehmen die Russen westliche Sanktionen gelassen zur Kenntnis. Sie sind mit ihrer eigenen Währung, dem russischen Rubel, zufrieden und kaufen vermehrt russische Produkte statt ausländischer Importe. Statt nach Ägypten oder in die Türkei zu fliegen, verbringen sie ihren Urlaub jetzt lieber an der russischen Schwarzmeerküste, insbesondere in Sotschi oder auf der Halbinsel Krim.

Seit geraumer Zeit setzt Russland verstärkt auf Gold. “Immer mehr Tonnen des begehrten Edelmetalls landen in den sicheren Tresoren der russischen Zentralbank. Ist Russland auf dem Weg in eine goldene Zukunft? Im Gegensatz zu den westlichen Devisenreserven aus Papiergeld, hinter denen keine realen Sicherheiten stecken, kann sich Moskau langfristig absichern. Denn echte Werte sind nach wie vor beständiger als fiktive Werte, die hinter den meisten westlichen Währungen stehen. Insofern kann man durchaus von einer goldenen Zukunft Russlands sprechen” (Marco Maier, CONTRA-MAGAZIN, 18.10.2015). 

Russlands Goldreserven nahmen 2015 um 208 Tonnen zu. Die Goldmasse der russischen Zentralbank ist seit 2007 beeindruckend gewachsen. Am 1. Januar 2007 betrugen die Goldreserven 402 Tonnen, am 1. Januar 2008 bereits 450 Tonnen, dann 519 Tonnen zum 1. Januar 2009 und 637 Tonnen zum 1. Januar 2010. Am ersten Tag des Jahres 2012 lagerten 790 Tonnen Gold in den Tresoren, ein Jahr später waren es 958 Tonnen. Seit dem 1. Januar 2016 besitzt die russische Zentralbank 1.415 Tonnen Gold (SPUTNIK DEUTSCHLAND, 20.01.2016).

Angesichts ihrer Wirtschaftslage zeigen sich die Russen grossenteils von westlicher Aufgeregtheit und Untergangsstimmung unbeeindruckt. Die Russen sind ausdauernd und widerstandsfähig. Zudem sind sie stolz auf ihre Nation, die schon seit 1.200 Jahren existiert. Russland wird sicher noch weitere 1.200 Jahre bestehen, wenn andere Länder, die derzeit Russland sanktionieren, längst von der Weltkarte verschwunden sind.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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