Olivia Kroth: 2016 ist das “Jahr des russischen Films”

2016 ist das Jahr des russischen Films

von Olivia Kroth

Präsident Wladimir Putin hat 2016 zum Jahr des russischen Films erklärt. Er unterschrieb am 7. Oktober 2015 den entsprechenden Erlass: “Um die öffentliche Aufmerksamkeit auf das russische Kino zu lenken, hat der Präsident beschlossen, 2016 zum Jahr des russischen Films zu erklären. Die Regierung der russischen Föderation wurde instruiert, ein Organisationskomittee zu bilden und einen Veranstaltungsplan für das Jahr des Russischen Films aufzustellen.  Entsprechende Empfehlungen wurden allen Regierungsorganen der Regionen in der Russischen Föderation übermittelt”.  

http://en.kremlin.ru/acts/news/50463 

Das russische Kino hat eine lange Tradition, wie die Institutionen Lenfilm und Mosfilm bezeugen. Lenfilm wurde 1918 in Leningrad als Filmstudio für die sowjetische Filmindustrie gegründet. Damals arbeiteten viele bekannte Filmemacher, Autoren und Schauspieler sowie andere Kulturschaffende der Sowjetunion in diesem Studio. Lenfilm war die zweitgrösste Produktionsstätte (nach Mosfilm) der sowjetischen Filmindustrie. Lenfilm besass über 30 Studios, die über die gesamte Sowjetunion verstreut lagen. Wegen der Belagerung von Leningrad wurden 1942 Produktionseinheiten und Personal des Lenfilmstudios von Leningrad in Städte Zentralasiens evakuiert, zum Beispiel nach Alma-Ata und Samarkand. Nach dem Ende der Belagerung kehrte Lenfilm 1944 nach Leningrad zurück. 1991 konnte Lenfilm auf eine stolze Anzahl von Produktionen zurückblieben: etwa 1.500 Filme. Lenfilm verfilmte im Laufe der Jahre viele russische Klassiker.

http://www.lenfilm.ru/

Heute ist Lenfilm (Киностудия Ленфильм) eine Produktionseinheit der russischen Filmindustrie. Die Firma befindet sich in Sankt Petersburg, ehemals Leningrad. “Kinostudio Lenfilm” gehört jetzt privaten Besitzern. Seit Oktober 2012 fungiert Fjodor Bondartschuk (Фёдор Сергеевич Бондарчук) als Vorsitzender des Verwaltungsrats. Der am 9. Mai 1967 geborene Schauspieler zählt zu den prominentesten Regisseuren und Produzenten Russlands. Er stammt aus einer berühmten Filmdynastie. Seine Mutter war die sowjetische Schauspielerin Irina Skobzewa, sein Vater war der international bekannte Schauspieler und Filmregisseur Sergej Bondartschuk. 1985 wurde Fjodor Student am Russischen Filminstitut VGIK. 1986 gab sein Debut in dem Film “Boris Godunow”.

2001 spielte Fjodor Bondartschuk die Rolle des Fürsten Lew Myschkin in einem Film auf der Grundlage von Fjodor Dostojewskis Roman “Der Idiot”. Seine Karriere als Produzent begann 2002 mit dem Film “In Aktion”. Seitdem hat er Dutzende von Filmen produziert, die kommerziell in Russland sehr erfolgreich waren. 2012 erhielt er den russischen Filmpreis “Goldener Adler” (премия Золотой Орёл) als bester Darsteller in “Zwei Tage” (2011) der Regisseurin Dunja Smirnowa. Im selben Jahr produzierte Fjodor Bondartschuk die Filmversion von S. Minajews Buch “Seelenlos”. Dieses filmische Werk lief ab Oktober 2012 in russischen Kinos, wo es zum meistgeschauten Film des Jahres 2012 wurde.

Lenfilm baut jetzt das grösste Zentrum Russlands zur Aufbewahrung von Filmzubehör. Das neue Lager wird auf einem Areal von vier Hektar in Kronstadt errichtet, denn das Hauptgebäude von Lenfilm auf dem Kamennoostrowski-Prospekt in Sankt Petersburg hat nicht mehr genug Platz für die riesige Sammlung von Möbeln und Requisiten. In drei Jahren soll das Projekt fertig gestellt sein und Besuchern zugänglich werden (RUSSKIY MIR, 18.02.2016). Ausserdem wird im Puschkin-Distrikt von Sankt Petersburg der Lenfilm-Park gebaut, eine Kinostadt von 10 Hektar Umfang mit Häusern und Strassen, die verschiedene Epochen und architektonische Stilrichtungen der Stadt Sankt Petersburg zeigen. Dieser Park soll ebenfalls eine grosse Touristenattraktion werden. Natürlich wird darin auch gefilmt (RUSSKIY MIR, 21.03.2016).

Filmpreis “Goldener Adler” (премия Золотой Орёл):

Die andere der beiden berühmten Filminstitutionen Russlands ist Mosfilm (Мосфильм).  Sie wurde 1931 unter dem Namen Sojuskino in Moskau gegründet. Ihre Produktion umfasste viele interessante sowjetische Filme. Im ersten Jahr des Grossen Patriotischen Krieges (1941-1945) wurde das Personal von Mosfilm nach Alma Ata evakuiert. Dann kehrte es 1943 nach Moskau zurück. Insgesamt hat Mosfilm bis heute über 3.000 Filme produziert, darunter viele Klassiker, die Preise gewannen. Dieses Jahr feiert Mosfilm seinen 85. Geburtstag. Das grosse Studio in der Mosfilmowskaja-Strasse beschäftigt 1.200 Arbeitnehmer und liefert Dienstleistungen für Filmemacher. Das Mosfilm-Museum lädt alle Filmenthusiasten der Welt ein, seine Sammlung von historischen Kostümen, Autos und Dekorationen anzuschauen (RUSSKIY MIR, 09.02.2016)

Während des letzten Jahrzehnts hat Mosfilm seine Produktionsstätten und technischen Mittel modernisiert. Die Pavillons und Studios wurden renoviert, mit neuester Technik und neuen Kameras ausgestattet.  Auch die Tonstudios wurden auf heutigen Stand gebracht. Auf der anderen Seite wurde der Fundus alter Filme konserviert. Viel Geld wurde in die Restaurierung der “goldenen Sammlung” von Mosfilm investiert.

http://mosfilm.ru/eng/main.php

Im “Jahr des russischen Films” können russische Schulkinder in den Filmstunden eine Auswahl der besten cineastischen Werke sehen. Dieser Video-Unterricht bringt eine Auswahl der “100 besten Filme für Schüler”. Das russische Ministerium für Erziehung und Wissenschaft stellt zudem eine multimediale elektronische Sammlung von Verfilmungen russischer Literatur zusammen (RUSSKIY MIR, 18.02.2016). In der sibirischen  Region Krasnojarsk wurde eine Filmakademie für Kinder eröffnet. Das Dorf Sukko bietet zweiwöchige Kurse für Schüler in Filmregie und Filmproduktion. Das Programm umfasst Arbeitskreise und Meisterkurse, in denen junge Leute von bekannten russischen Filmemachern lernen können. Die Schüler schreiben selbst Drehbücher und drehen Kurzfilme, zum Beispiel Zeichentrickfilme (RUSSKIY MIR, 15.02.2016).

Das “Jahr des russischen Films” wird auch im Ausland zelebriert, zum Beispiel in Vietnam. Im Februar 2016 organisierte das russische Zentrum der Pädagogischen Universität von Ho-Chi-Minh-Stadt am “Tag der Verteidiger des Vaterlands” ein Treffen für vietnamesische Studenten. Sie schauten den russischen Kultfilm “Nur alte Männer ziehen in den Krieg” (В бой идут одни «старики»). Er wurde 1973 von Leonid Bykow gedreht (RUSSKIY MIR, 26.02.2016). Im März 2016 bot die Abteilung der russischen Sprache an der Universität von Peking einen Wettbewerb für chinesische Studenten an. Sie konnten Szenen aus einem russischen Film mit chinesischem Text unterlegen. Zwanzig Studenten im ersten und zweiten Studienjahr nahmen in sechs Gruppen teil. Jede Gruppe erhielt Punkte für künstlerischen Ausdruck und Kreatitivät, Intonation und Synchronisierung. Die Szenen stammten aus dem Film “Die Schlacht von Stalingrad”, der von dem Heldenmut russischer Soldaten während des Grossen Patriotischen Krieges (1941-1945) erzählt. “Die Schlacht von Stalingrad” (Сталинградская битва) ist ein zweiteiliger sowjetischer Kriegsfilm, der 1941 von Wladimir Petrow gedreht wurde. Das Drehbuch stammt von Nikolai Wirta (RUSSKIY MIR, 31.03.2016).

Filmszene aus “Nur alte Männer ziehen in den Krieg” (В бой идут одни «старики»):

Nicht nur China, auch andere BRICS-Staaten nehmen an dem Jahr des russischen Films teil, zum Beispiel Indien und Südafrika. In Indien fand im Februar 2016 das BRICS- Filmfestival im russischen Kulturzentrum von Neu-Delhi statt. Es wurde von dem Büro Rossotrudnitschestwo in Indien, der Gesellschaft des zivilen Filmforums und dem Internationalen BRICS-Forum organisiert (RUSSKIY MIR, Februar 2016)Rossotrudnitschestwo (Россотрудничество) ist die russische Föderalagentur für Fragen der im Ausland lebenden Mitbürger und für internationale humanitäre Zusammenarbeit. Sie hat die Aufgabe, Kenntnisse der russischen Sprache im Ausland zu fördern, internationale kulturelle Zusammenarbeit zu pflegen und ein umfassendes, aktuelles Russlandbild zu vermitteln. In Südafrika wurde das BRICS-Filmfestival im März 2016 gefeiert. Der russische Film “Das Bataillon” gewann den Preis “Bester Film”. Er wurde von Dmitri Meschkiew gedreht. Maria Aronowa erhielt den Preis “Beste Darstellerin” und Anatoli Beloserow wurde “Bester Toningenieur”. Der russische Filmproduzent sagte, dass seine Leute es sehr schätzten, ihren ersten Preis in Afrika erhalten zu haben (RUSSKIY MIR, 17.03.2016).

Am 8. April 2016 führte Präsident Wladimir Putin ein Arbeitsgespräch mit Kultusminister Wladimir Medinski, der ihn über die Arbeit seines Ministeriums für das Jahr des russischen Films informierte. Auch die Entwicklung der Filmindustrie in Russland war Thema dieser Unterredung. Wladimir Medinski sagte: “2012 betrug der Anteil an russischen Filmen, die in der Föderation gezeigt wurden, 16 Prozent. Wir konnten während der letzten drei Jahre diesen Anteil auf 18 Prozent steigern. Unser Ziel ist, 25 Prozent bis 2018 zu erreichen. Was haben wir sonst noch erreicht?  Die wichtigste Leistung ist, dass wir den Verkauf von Eintrittskarten hundertprozentig effizient und transparent gestalten konnten.”

Russlands Kultusminister Wladimir Medinski (Владимир Ростиславович Мединский):

Der Kultusminister sprach über weitere Ereignisse des Jahres: “Ende 2016 wird Sojusmultfilm (Союзмультфильм) seine Produktionsstätte in sein eigenes Gebäude neben Ostankino in Moskau verlagern. Das wichtigste Programm im Jahr des russischen Films ist die Unterstützung von Filmvorführungen in Kleinstädten. In sowjetischer Zeit waren ein Winter- und Sommerkino für jedes regionale Zentrum Pflicht. Bedauerlicherweise sind nur noch die Kinos in Städten mit mehr als einer Million Einwohnern übrig geblieben. Ein Drittel der Bevölkerung hat keine Möglichkeit, Filme zu sehen. Deshalb haben wir dieses Jahr mit Unterstützung der Regierung ein Programm begonnen, in Kleinstädten mit unter 100.000 Einwohnern moderne Kinos einzurichten, die Premieren zeigen. Wir planen insgesamt 512 neue moderne Kinos. Drei Jahre lang sollen diese Kinos zu 50 Prozent  russische Filme vorführen.”

http://en.kremlin.ru/events/president/news/51690

In einem Gespräch mit TASS teilte Wladimir Medinski mit: “Wir haben einen Abrechnungsmodus geschaffen für den Verkauf von Eintrittskarten. In den letzten vier Jahren betrug die Überwachung des Staates für Kartenverkäufe an Kinokassen nur 10 Prozent. Jetzt werden sie zu 100 Prozent überwacht. Die Rechnung für einen Film mit Unterstützung der Regierung beinhaltet verschiedene Komponenten. Die Summe der finanziellen Unterstützung wird in rückzahlbar und nicht rückzahlbar aufgeteilt. Ein Teil des zurückgezahlten Gelds fliesst in den Kinofundus zurück. Im Rahmen einer generellen Budgetschwäche erhalten wir so eine Extrasumme von einer Milliarde Rubel. Sie wird in neue Filmproduktionen investiert. Diese Summe wächst kontinuierlich, weil die Summe der zurückgezahlten Unterstützungsgelder wächst. Für 2018 erwarten wir die Rückzahlung von etwa anderhalb Millarden Rubel. Unseren Kinos hilft die zeitliche Kontrolle der Aufführungen. Potentielle Kassenschlager bekommen in regelmässigen Intervallen eine Premiere und unsere einheimische Filmproduktion geniesst Priorität” (TASS,27.04.2016).

Moskauer Internationales Filmfestival 2016:

Hoffentlich werden russische Filmemacher viele interessante neue Werke produzieren. Das Moskauer Internationale Filmfestival im Juni 2016 wird mit Spannung erwartet. Möge es dem russischen Kino Glück und Erfolg bringen.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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