Olivia Kroth: Der Juni ist die Zeit der Filmfestivals in Russland

Der Juni ist die Zeit der Filmfestivals in Russland

von Olivia Kroth

In der Russischen Föderation ist der Juni 2016 ein Glanzlicht für Freunde des Kinos. Jedes Jahr werden in diesem Monat zwei Filmfestivals veranstaltet. Kinotawr in Sotschi findet in der ersten Juniwoche statt und das Moskauer Internationale Filmfestival  in der letzten Juniwoche. Beide haben ihren besonderen Schwerpunkt: Kinotawr (Кинотавр) ist ein nationales Festival, das nur russische Filme zeigt. Das Moskauer Internationale Filmfest lädt bekannte Regisseure aus der ganzen Welt ein, ihre neuesten Produktionen zu präsentieren. Russisches Kino ist generell konkurrenzfähiger geworden, sowohl im In- wie im Ausland. Kinofreunde achten jetzt besonders auf russische Filme, weil 2016 von Präsident Wladimir Putin zum “Jahr des russischen Kinos” ausgerufen wurde. Nikita Michalkow, Russlands prominentester Regisseur und Produzent, der auch als Präsident des Moskauer Internationalen Filmfestivals fungiert, sagte in einem Interview: “Das (russische) Kino tendiert jetzt mehr zur visuellen Attraktion und ist unterhaltsamer geworden, als es vor 20 Jahren war, als die Kinobesucher in Filmen Antworten auf dringliche Fragen suchten. Geld zu verdienen und das Kinopublikum zu faszinieren sind zwei unterschiedliche Aufgaben …” (Interview mit Tatjana Saizewa, AEROFLOT.RU, Juni 2016). Das russische Kino versucht heutzutage, vier Aufgaben zu erfüllen – ein ziemlich ehrgeiziges Ziel! Es will Antworten auf aktuelle Fragen geben, Filmfreunde ansprechen, visuell attraktiv sein und ausserdem Geld bringen.

Nikita Michalkow:

Kinotawr findet in dem Bade- und Kurort Sotschi an der russischen Schwarzmeerküste statt. Sie ist eine Touristenattraktion und zieht während des Filmfestivals viele zusätzliche Besucher an, russische Filmschauspieler, Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten. Nach der eindrucksvollen Eröffnungszeremonie am 6. Juni 2016 begann Kinotawr mit dem Film “Petersburg – Nur mit Liebe”. Präsident Wladimir Putin begrüsste die Gäste und Teilnehmer zu diesem feierlichen Anlass. In seiner Rede betonte er, dass Kinotawr ein “Treffpunkt für berühmte Filmschauspieler sowie unbekannte Neulinge” geworden sei. Die Geschichte von Kinotawr begann 1991. Ab 1993 war Oleg Jankowski der Präsident des Filmfestivals. Er bekleidete dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 2009.

Oleg Iwanowitsch Jankowski (Олег Иванович Янковский; 1944-2009) war ein russischer Filmschauspieler, der zu Zeiten des Sowjetkinos Karriere machte. Er wurde am 23. Februar 1944 in Jeskagan, Kasachstan, geboren. 1965 ging er zum Dramatheater in Saratow. Seine Filmkarriere begann 1967 mit Filmen über den Grossen Vaterländischen Krieg (1941-1945). Oleg Jankowski spielte in sehr vielen Filmen mit, insbesondere in russischen Klassikern. Er war auch in Fernsehverfilmungen von Theaterstücken zu sehen. 1984 erhielt er den Staatspreis der Sowjetunion und später einige Male den Nika-Preis der russischen Filmakademie. Oleg Jankowski starb am 20. Mai 2009 in Moskau.

Oleg Jankowski:

Alexander Rodnjanski, der Präsident des Minotawr Film Festivals 2016, sagte, dass man dieses Jahr “dem Publikum zeitgenössische Filme weiblicher Regisseurinnen präsentieren” wollte (RUSSKIY MIR, 07.06.2016). Er besitzt selbst viel Erfahrung als Regisseur und ist seit 2004 Präsident von Minotawr. Alexander Jefimowitsch Rodnjanski (Aлександр Ефимович Роднянский) wurde 1961 in Kiew geboren. Nach seiner Ausbildung als Regisseur von Dokumentarfilmen mit Diplom von der Nationalen Hochschule für Film, Theater und Fersehen in Kiew arbeitete er zunächst in einem Filmstudio seiner Heimatstadt. Er produzierte im Lauf seiner Karriere mehr als 30 Filme und über 20 TV-Serien. Zudem drehte er 10 Dokumentarfilme und gewann mehr als 40 Preise, inklusive den Nika-Preis der russischen Filmakademie.

2013 publizierte Alexander Rodnjanski sein Buch “Was macht ein Produzent”. Im selben Jahr wurde es ein Verkaufsschlager im Bereich der Sachbuchliteratur. 2015 kam die zweite Auflage heraus, welcher er einige neue Kapitel hinzugefügt hatte. Sie beschreiben Geschichten aus dem Hintergrund der Filmszenen seiner Filme “Stalingrad” und “Leviathan”. Der erfolgreiche Produzent und Regisseur ist auch in professionellen Vereinigungen der Filmindustrie sehr aktiv, unter anderem als Jury-Mitglied verschiedener Filmfestivals. Überdies gehört er der Nationalen Russischen Filmakademie an, die den Preis “Goldener Adler” vergibt, ausserdem dem nationalen russischen Filmpreiskomitee “Nika” und der russischen Fernsehakademie.

Alexander Rodnjanski:

Vierzehn Filme nahmen an dem Wettbewerb von Kinotawr teil. Der Film “Ein guter Junge” von Oksana Karass gewann dieses Jahr den Grand Prix. Kolja, ein Schuljunge, verliebt sich in eine seiner Lehrerinnen, während sich die Tochter des Schuldirektors in ihn verliebt. So muss Koja sich entscheiden, welche der beiden weiblichen Personen er lieber mag. “Der Film ist eine Komödie über menschliche Schwächen und Illusionen. Sein Held Kolja wird in eine Dreiecksgeschichte verwickelt. Er muss lernen, sein Liebesleben wie auch sein schulisches Leben zu meistern” (KINOTAVR.RU, June 2016).

Die Filmregisseurin Oksana Karass sagte: “Mich interessieren Charaktere, die sympathisch sind. Als ich den Film vorbereitete, konzentrierte ich mich auf unser gutes altes sowjetisches Kino. Ich liebte es wegen seines einfachen Tons und seiner Schlichtheit. ‘Ein guter Junge’ ist ein Film, in dem die Schauspieler im Mittelpunkt stehen. Er ist sehr einfach, ohne Arroganz, ich verzichte auf das Moralisieren und bin an Charakteren interessiert, in die man sich einfühlen kann. ‘Ein guter Junge’ ist eine ehrliche Geschichte über einen Jungen, der heranwächst” (EDESNEWS.COM, June 2016). Oksana Karass (Оксана Карас) wurde am 19. Juli 1979 in Charkow geboren. Sie erhielt 2009 ihr Diplom von dem Filminstitut Gerassimow in Moskau. Es ist die älteste Filmschule der Welt, Oksana Karass eine seiner jüngsten Absolventinnen in Filmregie und ein neuer Star am Firmament des russischen Kinos.

Konstantin Chabenski gewann dieses Jahr den Preis von Kinotawr als bester Darsteller in dem Film “Der Sammler” von Alexei Krasowski. Natalja Pawlenkowa erhielt den Preis als beste Darstellerin für ihre Rolle in dem Film “Zoologie” von Iwan Twerdowski. Kirill Serebrjannikow wurde mit seinem Film “Der Student” zum besten Regisseur gekürt. Der Kurzfilm “Hypothekendarlehen” von Wadim Waliullin wurde zum besten Kurzfilm des Jahres 2016 gewählt. Er handelt von einer Frau, die gleichzeitig erfährt, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet und dass ihr Ehemann in einem Verkehrsunfall gestorben ist. Als sie eine Geldsumme erhält, kann sie ihr Hypothekendarlehen zurückzahlen (RUSSKIY MIR, 10.06 2016 und 14.06.2016).

Das 38. Internationale Filmfestival Moskau wurde vom 23. bis 30. Juni 2016 abgehalten. Der Hauptpreis ist die Statue des Heiligen Georg, wie er den Drachen tötet, das gleiche Motiv wie auf dem Wappen der Stadt Moskau. Nikita Michalkow fungiert seit 2000 als Präsident dieses Filmfestivals. Seitdem hat es seine Bekanntheit gesteigert und ist zu einer prestigeträchtigen Veranstaltung geworden, wo Weltpremieren stattfinden. Das Programm wurde nach und nach erweitert. Es umfasst jetzt mehr Vorführungen von Retrospektiven wie auch aktuellen Filmen. Die Teilnahme am Internationalen Filmfestival Moskau ist zu einem Gütesiegel geworden. Dieses Jahr kamen 12 Filme aus 11 Ländern in den Wettbewerb.

Nikita Michalkow sagte in einer Befragung: “Wir haben eine generelle Richtung der Suche im Kopf. Wir wollen uns Filme aus Lateinamerika und Asien ansehen, um etwas zu entdecken, das bisher unbeachtet geblieben ist. So werden wir dieses Jahr eine Retrospektive von Filmen aus arabischen Ländern präsentieren. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Vielleicht wird es unser Verständnis der Konflikte im Nahen Osten vertiefen. Kino ist immer auch eine Spurensuche. Es ermöglicht, viele neue Phänomene zu interpretieren” (Tatjana Saitsewa, AEROFLOT.RU, Juni 2016).

Wiktoria Issakowa (Виктория Евгеньевна Исаковa) ist das russische Mitglied der internationalen Jury. Die Schauspielerin wurde am 12. Oktober 1976 in Dagestan geboren. Mit 13 Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Moskau. Sie studierte an der russischen Akademie für Theaterwissenschaften und an der Moskauer Hochschule für Theaterkunst. Von 1999 bis 2001 arbeitete Wiktoria Issakowa für das Moskauer Tschechow-Theater, wo sie die Rolle der Nina in Anton Tschechows “Die Seemöwe” spielte. 2001 trat sie dem Moskauer Puschkin-Theater bei. Seit 1998 ist die Schauspielerin auch auf dem Bildschirm zu sehen. 1998 gab sie ihr Fernsehdebüt in der Serie “Tschechow & Co”. Ihr Durchbruch beim Kino kam 2005. 2013 erhielt sie den russischen Preis “Goldener Adler” als beste Fernsehdarstellerin.

Dieses Jahr gewann ein iranischer Film den Grand Prix de Internationalen Filmfestivals Moskau. Die Jury zeichnete den Film “Die Tochter” aus, der von Resa Mirkarimi gedreht wurde. “Die Tochter” erzählt die Geschichte einer traditionellen iranischen Familie, in welcher der Vater alle Entscheidungen trifft. Diese Tradition wird jedoch gebrochen, als die 15jährige Segareh alleine nach Teheran fliegt, statt an der Verlobungsfeier ihrer jüngeren Schwester teilzunehmen. Segareh will sich von ihrer Freundin verabschieden, die auswandert. Farhad Aslani stellt den Vater des iranischen Mädchens dar. Er wurde beim 38. Internationalen Filmfestival in Moskau als bester Darsteller ausgezeichnet (TASS, 01.07.2016).

Resa Mirkarimi:

Resa Mirkarimi wurde schon zum zweiten Mal mit diesem angesehenen Preis ausgezeichnet. Das erste Mal erhielt er ihn für “So einfach ist das” im Jahr 2008. “Ich bekomme zum zweiten Mal einen goldenen Sankt Georg in Moskau. Beide Male gewann ich ihn für Filme über Familienwerte”, sagte der iranische Regisseur bei der Preisverleihung in Moskau. Resa Mirkarimi wurde am 28. Januar 1966 in Teheran geboren. Er ist ein bekannter iranischer Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, der seine Ausbildung in graphischer Kunst an der Universität für Schöne Künste in Teheran absolvierte. Seine Kinokarriere begann 1987. Nun hilft er auch jungen iranischen Regisseuren bei der Filmproduktion. Ausserdem war Resa Mirkarimi bereits als Jurymitglied für verschiedene internationale Filmfestivals tätig.

Der Stanislawski-Preis wurde an Marina Nejolowa verliehen “für herausragende Leistungen in der Schauspielkunst und Verbreitung der Prinzipien der russischen Stanislawski-Schule für Schauspieler”. Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (18xx -1938) erfand das Schauspielkonzept des inneren Erlebens der Rolle. Er näherte das Bühnenspiel an das reale menschliche Ausdrucks- und Kommunikationsverhalten an durch Beobachtung, Nachahmung und Erinnerung. In seiner Schauspielvorstellung geht es um das Zusammenwirken von Körper und Seele. Die Schauspieler drücken Gefühle und Gemütsbewegungen durch Haltung und Auftreten sowie Mimik und Gestik aus. So entwickelte Konstantin Stanislawski psychotechnische Schauspielmethoden und propagierte das Identifikationstheater. Er gründete das Moskauer Künstlertheater und war auch auf Tourneen im Ausland erfolgreich.

Marina Nejolowa:

Marina Nejolowa (Марина Мстиславовна Неёлова) wurde am 8. Januar 1947 in Leningrad geboren. Die Schauspielerin spielte während ihrer langen Karriere in mehr als 70 Filmen mit. Sie verkörperte Charaktere mit äusserer und innerer Schönheit. Sie erhielt Tausende von Zuschauerbriefen, in denen immer wieder diese Zeilen vorkamen:  “Wie haben Sie es geschafft, mein Leben so akkurat zu beschreiben?” Marina Nejolowa war besonders brillant in Nikolai Gogols “Der Mantel” und Anton Tschechows “Der Kirschgarten” (38. MOSKAU FILM FESTIVAL.RU, Juni 2016).

Das Moskauer Internationale Filmfestivel fand im Rossija-Theater am Puschkin-Platz statt. Es ist ein Architekturmonument aus dem Jahr 1961 und das grösste Theater in Moskau. Mittlerweile wurde es mehrfach umgebaut als Schauplatz für grosse Ereignisse wie das Moskauer Internationale Filmfestival. 1997 wurde es vermietet und später an den Filmverleiher Karo-Film verkauft. Heute kann das Theater 1.750 Gäste aufnehmen. In der letzten Juniwoche 2016 war es die Bühne für den Auftritt vieler berühmter Kinoleute, ein “Sternenweg” des russischen und internationalen Kinos.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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