Olivia Kroth: Ehrung des russischen Dichters Gawrila Derschawin 200 Jahre nach seinem Tod

Ehrung des russischen Dichters Gawrila Derschawin 200 Jahre nach seinem Tod

von Olivia Kroth

Der Lauf des Flusses Zeit
Wird alle Menschentaten mit sich tragen
Und in Versenkung tauchen
Die Völker, Reiche und ihre Herrscher. 

Und wenn es etwas gibt, das uns noch bleibt,
Durch Hörnerschall und Harfenton,
So wird es auch im Schlund der Zeit verschwinden
Und allgemeines Schicksal teilen. 

Dieses schöne Gedicht stammt aus der Feder des russischen Poeten Gawrila Romanowitsch Derschawin (1743-1816). Seine Aussage könnte auf gewöhnliche Menschen zutreffen, aber nicht auf ihn selbst. Seine Dichtung bleibt, so frisch wie eh und je, in russischen Anthologien erhalten. Auch hat “der Lauf des Flusses Zeit” nicht alle “Völker, Reiche und ihre Herrscher” in Versenkung getaucht. Zarin Katherina die Grosse (1729-1796) ist immer noch im Gedächtnis der Russen als eine grosse Herrscherin über das Zarenreich lebendig. Gawrila Derschawin war ihr Lieblingsdichter. Er lebte an ihrem Hof und schrieb ihr zu Ehren Gedichte.

Zarin Katharina die Grosse (Екатерина II Великая):

Gawrila Romanowitsch Derschawin (Гаврила Романович Державин) wurde am 14. Juli 1743 in Kasan, Tatarstan, geboren. Er starb am 20. Juli 1816 als einer der höchstgeschätzten russischen Dichter seiner Zeit und als Staatsmann am Hof von Katherina der Grossen. Seine Werke werden der klassischen Literatur zugeordnet. Am Zarenhof in Sankt Petersburg stieg er vom einfachen Soldaten zu hohen Staatsämtern auf. Weil er politisch klug handelte, ging es mit seiner Karriere aufwärts, als er das Militär verliess und in den Staatsdienst eintrat. So wurde er 1784 der erste Gouverneur der Provinz Olonez. Das Gouvernement Olonez im Nordwesten des russischen Zarenreichs erstreckte sich vom Ladogasee bis zum Weissen Meer. Im Westen reichte es bis Finnland, im Norden und Osten bis Archangelsk und Wologda, im Süden bis Nowgorod und Sankt Petersburg. Das Gebiet umfasste über 57.000 Quadratkilometer. Davon waren 6.800  Quadratkilometer Seengebiet.  

Seenlandschaft in der russisch-karelischen Provinz Olonez:

Der Gouverneur von Olonez

Dreizehn Jahre nach der Unterdrückung des Bauernaufstands von Kisi (1769-1771) wurde Gawrila Derschawin  Gouverneur von Olonez. Er verlangte von den Bauern strikte Beachtung und Durchführung aller Aufgaben, die ihnen zugeteilt waren. Der Gouverneur erinnerte sie stets daran, dass “Ruin und Armut sehr oft Anlass für grössere Zügellosigkeit und Verbrechen sind”. Gawrila Derschawin war der erste, der die Schonung des natürlichen Tierbestands und der karelischen Wälder forderte. Als Gouverneur setzte er viele Reformen der Zarin Katherina II. um. Nachdem er die Grenze zwischen Russland und Schweden geklärt hatte, wurden Pläne der Distriktstädte und Karten des Gouvernements Olonez gezeichnet (RUSSIA TODAY, RUSSIAPEDIA).

Im Sommer 1785 ging der Gouverneur auf Tour durch die Provinz. Er reiste 2000 Kilometer per Boot und Pferd. Während dieser strapaziösen und gefährlichen Reise schrieb er ein Tagebuch, in welchem er wichtige Daten über das Leben in der Region im 18. Jahrhundert festhielt. Seine Themen waren Beschreibungen von Provinz- und Distriktstädten, die Originalität karelischer Sprache und Kultur, das fünfseitige Psalter, der karelische Abschnitt, die alte Religion des Nordens und vieles mehr. Als erster Gouverneur der Provinz Olonez leistete Gawrila Derschawin eine enorme Menge Arbeit bei der Organisation des öffentlichen Gesundheitswesens, der staatlichen Schulen sowie der Wohltätigkeit in der Region. An die Zeit seines Aufenthalts in Petrosawodsk, Karelien, erinnert seine bekannte Ode, “Die Wasserfälle”. Sie bildet den Ausgangspunkt des Themas Karelien in russischer Dichtkunst (RUSSIA TODAY, RUSSIAPEDIA).

Russisch-karelische Volkstracht:

Der Höfling und Ehemann

1791 wurde Gawrila Derschawin persönlicher Sekretär der Zarin. 1794 avancierte er zum Präsidenten des Handelsinstituts. 1802 ernannte man ihn schliesslich zum Justizminister. 1803 zog er sich auf sein Landgut Swanka bei Nowgorod zurück, wo er Gedichte schrieb. In seinem Haus in Sankt Petersburg hielt er monatliche Treffen der konservativen Vereinigung “Liebhaber des russischen Worts” ab. Privat war er zweimal verheiratet, aber beide Ehen blieben kinderlos. 1778 nahm er das 16jährige Mädchen Jekaterina Jakowlewna Bastidon (Екатеринa Яковлевнa Бастидон) zur Ehefrau. In seiner Dichtung nannte er sie “Plenira”. Sechs Monate nach ihrem Tod im Jahr 1794 heiratete er Darja Alexejewna Djakowa (Дарья Алексеевна Дьякова). Sie heisst “Milena” in den Gedichten, die er für sie schrieb. Als er starb, erbte sie das Landgut Swanka bei Nowgorod und liess dort ein Kloster einrichten.

Russischer Patriot

Gawrila Derschawin schrieb als russischer Patriot Gedichte zu Ehren von Russland und seiner Zarin Katharina der Grossen:

Гром победы, раздавайся!
Веселися, храбрый Росс!
Звучной славой украшайся.
Магомета ты потрёс!

Refrain:
Славься сим, Екатерина!
Славься, нежная к нам мать!

Воды быстрые Дуная
Уж в руках теперь у нас;
Храбрость Россов почитая,
Тавр под нами и Кавказ.

Уж не могут орды Крыма
Ныне рушить наш покой;
Гордость низится Селима,
И бледнеет он с луной.

Стон Синая раздаётся,
Днесь в подсолнечной везде,
Зависть и вражда мятется
И терзается в себе.

Мы ликуем славы звуки,
Чтоб враги могли узреть,
Что свои готовы руки
В край вселенной мы простреть.

Зри, премудрая царица!
Зри, великая жена!
Что Твой взгляд, Твоя десница
Наш закон, душа одна.

Зри на блещущи соборы,
Зри на сей прекрасный строй;
Всех сердца Тобой и взоры
Оживляются одной.

Katerinas Sieg

Siegesdonner, erklinge! / Freu dich, tapferer Russe! / Bewundere dich in deinem Ruhm! / Du hast die Muselmanen geschlagen!

Refrain: Ruhm dir, Katherina! /Ruhm dir, unserer fürsorglichen Mutter!

Die schnellen Wasser der Donau / Sind nun in unsren Händen. / Die Tapferkeit der Russen achtend / Sind Krim und Kaukasus in unsrer Hand.

Türkische Tatarenhorden / Nicht länger stören unser ruhig Land. / Der stolze Selim verliert an Kraft. /  Der Türkenmond verblasst.

Ischmaels Stöhnen wiederholt / sich auf der ganzen Welt. / Neid und Feindschaft sind besiegt, / In Gift verwandelt an der Quelle.

Mach das Beste aus jedem Sieg! / Für unsere Feinde ist es an der Zeit zu sehen: / Russland greift weiter und höher / über Bergesgipfel und Meere.

Brilliante Zarin, betrachte deine Vision! / Und sieh, grosse Frau: / An deinen Gedanken und Urteilen / Nehmen wir alle teil wie eine einzige Seele.

Schau die Pracht der Kathedralen, / Schau wie schön gebaut sie sind! /
Alle Herzen wenden sich dir zu, / Freuen sich mit dir.

Russisch-Türkischer Krieg (1768-1774):

Unsterbliche Dichtung

“Die Krim in unserer Hand”: Heute könnten sich Zarin Katherina die Grosse und ihr Lieblingsdichter Gawrila Derschawin erneut darüber freuen, dass die Krim seit dem Frühjahr 2014 wieder in russischer Hand ist nach dem Referendum ihrer Bewohner, die zum Mutterland Russland zurückkehren wollten. Die “brilliante Zarin” war eine Visionärin. Sie konnte voraussehen, dass die Krim damals wie heute sehr wichtig für Russland war und ist als wirtschaftlicher und militärischer Stützpunkt am Schwarzen Meer. “Mach das Beste aus jedem Sieg!” Jetzt baut Russland eine gigantische Brücke vom Festland zur Halbinsel Krim gegen feindliche Transport- und Energieblockaden.  “Russland greift weiter und höher über Bergesgipfel und Meere”: Unter Präsident Putin stellt die Russische Föderation wieder eine Weltmacht dar. Sie reicht ihren Partnerstaaten in Asien, Afrika und Lateinamerika die Hand.

Freude auf der russischen Krim:

“Gawrila Derschawins Dichtung und Memoiren präsentieren ein reiches und komplexes Porträt seiner Zeit. Es kommen eine verschiedene Themen zur Sprache, zum Beispiel Krieg und Frieden, Liebe und Essen. Er war offen für zeitgenössische Strömungen und vertraut mit unterschiedlichen philosophischen Perspektiven. Man erinnert sich an ihn als Dichter mit unabhängigem Geist, der die Wahrheit liebte und die Gerechtigkeit verteidigte. Politisch blieb er jedoch ein standhafter Monarchist” (RUSSIA TODAY, RUSSIAPEDIA). 

Gawrila Derschawins Dichtung ist ein Universum von erstaunlicher Fülle. Sie übte grossen Einfluss auf Dichter der Folgegenerationen aus, zum Beispiel auf Nikolai Nekrassow und Fjodor Tjutschew. Mit Schwerpunkt auf der Ode repräsentiert Gawrila Derschawins Werk den Gipfelpunkt russischer Klassik. Seine Oden werden auch jetzt noch in russischen Schulbüchern gedruckt. Die meisten sind seiner Zarin gewidmet, Katharina II., die er in seinen Gedichten “Feliza” nannte, die Glückliche.

Gawrila Derschawins Porträt auf einer russischen Briefmarke (links):

Das Denkmal

Ich  baute mir selbst ein Denkmal, ewig und wunderbar,
Es ist höher als die Pyramiden, sein Metall ist härter;
Schnelle Winde und Donner können es nicht umwerfen,
Der Flug der Zeit kann es nicht zerstören.

So werde ich nicht wirklich sterben! Der grösste Teil von mir
Wird dem Tod trotzen, der Verwesung entgehen,
Mein Ruf wird wachsen und niemals  verwittern,
So lange Slawen geehrt werden in dieser Welt.

Und mein Wort soll sich verbreiten vom Weissen Meer zum Schwarzen Meer,
Wo Wolga, Don, Newa und Ural fliessen,
Jedes Mitglied zahlloser Stämme wird wissen,
Wie ich den Weg fand von Obskurität zum Ruhm,

Indem ich als erster wagte, in lebendig russischer Sprache
Die Tugenden von Feliza zu feiern,
Mit Gott zu sprechen in intimer Einfachheit,
Und lächelnd Königen Wahrheiten zu verkünden.

Oh Muse! Sei stolz auf deine wohlverdienten Preise,
Verachte all jene, die dich verachten,
Und mit leichter, sicherer Hand
Kröne deine Brauen in ewiger Morgenröte.

Die Newa in Sankt Petersburg:

Gawrila-Derschawin-Museum in Sankt Petersburg

In Sankt Petersburg lädt das Gawrila-Derschawin-Museum Besucher ein. Dieses grosse Anwesen besteht aus drei Gebäuden an der Fontanka. Der Dichter kaufte das Land am Fontanka-Fluss 1791 für seine Vorstadtvilla. Der Hof war von einer Galerie frei stehender Säulen umgeben. Eine andere offene Kolonnade verband die beiden Flügel am Ufer. Das Land hinter dem Haus wurde als  Landschaftsgarten mit künstlichen Bächen und Teichen, Brücken und Pavillons angelegt. Von 1791 bis zum Tod des Dichters war dieses Haus eines der kulturellen Zentren Sankt Petersburgs, ein Fokus für kreatives Leben in der Hauptstadt. Hier versammelte sich die künstlerische, literarische und politische Elite Russlands, auch der berühmte russische Fabeldichter Iwan Krylow kam hierher.

 2003 wurde das Haus als Museum für Gawrila Derschawin geöffnet. Es präsentiert Manuskripte, Illustrationen, seltene Bücher aus dem 18. Jahrhundert, Journale, Möbel, Ornamente, Gemälde und Drucke vom späten 18. bis frühen 19. Jahrhundert, auch Porträts des Dichters und seiner Zeitgenossen. Man gab sich grosse Mühe, die Räume genau so zu gestalten, wie sie zu Zeiten von Gawrila Derschawin aussahen: sein Schreibzimmer, das gelbe Wohnzimmer, den Liebessitz und sein Haustheater. In dem Museum werden regelmässig Konzerte und Literaturabende veranstaltet, ausserdem wird hier jedes Jahr am 3. Juli eine Feier für die russische Dichtung des 18. Jahrhunderts abgehalten.

Adresse: 118, Nabereschnaja Reki Fontanki

Garten der Dichtervilla in Sankt Petersburg:

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
Esta entrada fue publicada en Rusia y etiquetada , , , , , , , , , , , , . Guarda el enlace permanente.

2 respuestas a Olivia Kroth: Ehrung des russischen Dichters Gawrila Derschawin 200 Jahre nach seinem Tod

  1. karovier dijo:

    Danke für diesen sehr schön geschriebenen Artikel. Es war eine Freude ihn zu lesen!

  2. Pingback: Ehrung des russischen Dichters Gawrila Derschawin 200 Jahre nach seinem Tod von Olivia Kroth | karovier blog

Responder

Introduce tus datos o haz clic en un icono para iniciar sesión:

Logo de WordPress.com

Estás comentando usando tu cuenta de WordPress.com. Cerrar sesión / Cambiar )

Imagen de Twitter

Estás comentando usando tu cuenta de Twitter. Cerrar sesión / Cambiar )

Foto de Facebook

Estás comentando usando tu cuenta de Facebook. Cerrar sesión / Cambiar )

Google+ photo

Estás comentando usando tu cuenta de Google+. Cerrar sesión / Cambiar )

Conectando a %s