Olivia Kroth: Die Kurilen – Russlands Inselwelt im Pazifischen Ozean

Die Kurilen: Russlands Inselwelt im Pazifischen Ozean

von Olivia Kroth

Die Kurilen (Курильские острова) in der russischen Oblast Sachalin formen ein vulkanisches Archipel, welches sich ungefähr 1.300 Kilometer im Nordpazifik erstreckt. Die 56 Inseln und zahlreichen Felsen sind in die Grossen Kurilen und die Kleinen Kurilen eingeteilt. Beide umfassen gemeinsam eine Landmasse von mehr als 10.000 Quadratkilometern und eine Bevölkerung von 20.000 Menschen. Kürzlich gerieten die Kurilen in das Zentrum der Aufmerksamkeit, als der russische Präsident Wladimir Putin das Östliche Wirtschhaftsforum in Wladiwostok besuchte, wo er mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe über den derzeitigen Status der zwei südlichsten Kurileninseln sprach. 

Die deutsche Ausgabe von SPUTNIK berichtete am 3. September 2016: Der russische Präsident Wladimir Putin und der japanische Premier Shinzo Abe haben sich beim Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok darauf verständigt, die Arbeit an dem Friedensvertrag zwischen beiden Ländern fortzusetzen. „Wir machen keine Geschäfte um Territorien“, sagte Wladimir Putin zum Kurilen-Streit. Der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, sagte  dazu, es handle sich um ein sehr komplexes Problem, das langwierige und sachkundige Bemühungen und eine weitere Vorbereitung erfordere. Tokio machte die Rückgabe der Inseln zur Bedingung für den Abschluss eines Friedensvertrages mit Russland, der seit Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer nicht unterzeichnet werden konnte.

Mehr: https://de.sputniknews.com/politik/20160903/312396456/putin-abe-friedensvertrag-suche-loesung.html

Shinzo Abe im Gespräch mit Wladimir Putin:

“Wir verhandeln nicht über Territorien, obwohl der Abschluss eines Friedensvertrags mit Japan sicherlich ein wichtiger Punkt ist. Wir würden gerne gemeinsam mit unseren japanischen Freunden eine Lösung für dieses Problem finden”, erzählte Wladimir Putin am 1. September 2016 Journalisten von Bloomberg in Wladiwostok. Einige Tage später ging er ins Detail, was den legalen Status der zwei umstrittenen Inseln betrifft, als er am 5. September 2016 auf dem G20-Gipfeltreffen in Hangzhou, China, Journalisten Rede und Antwort stand.

“Die Sowjetunion erhielt dieses Territorium als Ergebnis des II. Weltkriegs. Dies wurde in internationalen juristischen Dokumenten festgelegt. Nach langen, schwierigen Verhandlungen mit Japan unterzeichnete die Sowjetunion 1956 einen Vertrag, dessen Artikel Nummer 9 festhält, dass die zwei südlichsten Inseln an Japan übergeben werden sollen. Nachdem das japanische Parlament und die Sowjetunion den Vertrag ratifiziert hatten, verzichtete Japan auf die Implementierung. Die Japaner nahmen die Haltung ein, dass dieser Vertrag ihnen nicht genug gab. Deshalb beschlossen sie, vier Inseln zu beanspruchen. Schliesslich implementierten beide Seiten den Vertrag nicht. Er blieb in der Schwebe. Später erklärte die Sowjetunion gleichfalls, dass sie nicht beabsichtigte, den Vertrag zu implementieren. Danach baten uns die Japaner, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Wir stimmten zu und die Verhandlungen begannen. Dies ist immer noch der aktuelle Stand heute”, erklärte der russische Präsident.

http://en.kremlin.ru/events/president/news/52830

http://en.kremlin.ru/events/president/news/52834

Sowjetischer Sturm im Osten 1945:

Russlands Tor zum Pazifik hat strategische Bedeutung, es wird nicht aufgegeben. Die Inseln Kunaschir und Iturup sind reich an Resourcen. Man vermutet dort eine Fülle an Metallen der Seltenen Erden. Mit ihren unberührten Wäldern, Vulkanen und Wasserfällen haben die Inseln auch ein immenses Potential für den Tourismus.

“Während der letzten Jahre verstärkte Russland seine militärische Aktivität rund um die Inseln. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu ordnete an, die Konstruktion von militärischen Einrichtungen auf den südlichen Kurilen zu beschleunigen. Sie stehen mit der Öffnung der nördlichen Seeroute in Zusammenhang, einer Wasserstrasse für Schiffe zwischen der Karasee und dem Pazifik. Diese Route entlang der russischen Arktikküste wird sowohl militärische als auch wirtschaftliche Vorteile bringen und Russland zu einem wichtigen Machtfaktor in der asiatischen Region des Pazifik machen. Die Inseln Kunaschir und Iturup bilden einen integralen Bestandteil der russischen Verteidigungs- und Wirtschaftsstrategie im asiatisch-pazifischen Raum” (RUSSIA & INDIA REPORT, 11.06.2015). 

Sergej Schoigu und Wladimir Putin:

Im September 2016 teilte Verteidigungsminister Sergej Schoigu der Presse mit, es gebe Pläne, die Insel Matua für Militärlogistik zu nutzen. Sergej Schoigu teilte bei einem Treffen der Russischen Geographischen Gesellschaft mit: “Wir müssen dieses Jahr Antwworten auf eine Reihe von spezifischen Fragen finden, denn wir planen, diese Insel als einen Knotenpunkt für Nord-Süd- und Ost-West-Transporte zu nutzen.” Er erklärte, dass Wissenschaftler die Fliessrichtung von vulkanischer Lava untersuchen sollten, um festzustellen, in wieweit sie den Ausbau des Flughafens beeinträchtigen könnten. Eine spezielle Landungsbrücke solle für die Lieferung von Baumaterialien geschaffen werden. Zudem forderte Sergej Schoigu weitere Forschung in Ökologie, unter anderem über den Einfluss menschlicher Aktivität auf Zugvögel und  die Nutzung von Energiequellen auf Matua. Eine gemeinsame Expedition des russischen Verteidigungsministeriums und der Russischen Geographischen Gesellschaft, deren Präsident Sergej Schoigu ist, sei diesen Herbst zur Kurileninsel Matua geplant. Der Verteidigungsminister sprach auch darüber, dass Spezialisten der russischen Pazifikflotte die Insel auf Möglichkeiten untersuchen werden, dort einen Flottenstützpunkt einzurichten (TASS, 14.09.2016).

Siedlung Juschno-Kurilsk auf der Insel Kunaschir:

Auf den Kurilen gibt es ungefähr 100 Vulkane, von denen 40 noch aktiv sind. Die höchste Erhebung ist der Vulkan Alaid, 2.340 Meter über dem Meeresspiegel, auf der Atlassow-Insel im Norden der Inselkette. Auf den Kurilen befinden sich auch heisse Quellen und Fumarolen. In dieser Region wird häufig seismische Aktivität festgestellt. Die Strände sind felsig, mit kleinen Sandbänken und Buchten. Im Landesinneren fliessen breite Flüsse und Ströme zwischen Grassland, Kraterseen und Mooren.

Kurilen-Akelei (Aquilegia flabellata):

Die Flora der Inseln ist vielfältig. Wegen des harschen Klimas der nördlichen Kurilen wächst auf den Inseln Paramuschir und Schumschu nur spärliche Vegetation: Halbsträucher und Krummholz, Erlen und Ebereschen. Die südlichen Kurilen sind mit Nadelwäldern bedeckt: Ajan-Fichte, Kurilen-Lärche, Sachalin-Tanne. Auch verschiedene Magnolienarten gedeihen hier, ausserdem jede Menge Beeren: Blaubeeren, Krähenbeeren, Preiselbeeren. Auf den Kurilen sind über 40 endemische Pflanzen heimisch, zum Beispiel das Kurilen-Edelweiss, der Kurilen-Beifuss und die Kurilen-Akelei. Eine endemische Bambusart ist Sasa kurilensis. Dieser Bambus verträgt das nördliche Klima. Seine Blätter werden 25 cm lang und 7 cm breit. Als dicht wachsendes Unterholz an Berghängen und Waldrändern verhindert er die Erosion.

Kurilen-Beifuss (Artemisia schmidtiana Nana):

Auch die Fauna der Inseln ist vielfältig. Weil sie sehr abgelegen sind von jeglicher Zivilisation, gibt es hier viele Braunbären, arktische Füchse und Rotfüchse. Die Kurilen Bobtail ist eine einheimische Katzenart, die auch auf das russische Festland gebracht und dort domestiziert wurde. Sie ist in Russland sehr beliebt. Diese Katze fischt und jagt gerne, sie spielt zudem gerne im Wasser. Die Kurilen Bobtail sieht zwar wild aus, ist aber vom Temperament her zahm, sanft und klug. Verschiedene Rotwildarten leben auf den südlichen Kurilen. Bei den Wandervögeln sind die Wanderfalken, Raben, Stelzen und Zaunkönige zu nennen.

Die Inselwelt der Kurilen ist von Wasser umgeben. Zu den Lebewesen im Ozean gehören Seeigel, Mollusken und Tintenfische; Pazifik-Dorsch, Flunder, Sardine und Seelachs; Otter, Seehund und Seelöwe. Ausserdem bieten die Kurilen Millionen von Seevögeln eine Heimat: Alk, Gelbschopflund, Kormoran, Lumme, Möwe, Rissa und Sturmvogel. Im Winter nisten sie in Eisspalten, im Sommer in Felsennischen.

Gelbschopflund (Fratercula cirrhata):

Der stärkste Wirtschaftszweig der Kurilen ist die kommerzielle Fischerei. Hier sind etliche wichtige russische Fischereibetriebe angesiedelt. Es gibt auch Vorkommen von Pyrit, Schwefel und Metallen. 2014 wurden in der Kitowy-Bucht auf der Insel Iturup eine Landebrücke und ein Hafendamm für grosse Transportschiffe errichtet, die zwischen den Inseln Waren transportieren. Eine neue Strasse wurde in der Nähe von Kurilsk, dem grössten Dorf der Insel Kunaschir, durch den Wald gebaut. Die Strasse führt zum Flughafen Juschno-Kurilsk Mendelejewo. Gidostroy ist die grösste Firma auf den Kurilen, sie besitzt Baumaterialienbetriebe, Fischereien und Immobilien. 2006 errichtete Gidostroy auf der Insel Iturup ihre zweite Fischverarbeitungsfabrik mit modernster Förderbandtechnik. Um die Inseln mit Elektrizität zu versorgen, hat die Regionalverwaltung ein staatliches geothermisches Kraftwerk am Baransky-Berg modernisiert. Baransky ist ein aktiver Vulkan, wo es Dampf- und Heisswasserquellen gibt.

Buben spielen Fussball in Juschno-Kurilsk auf der Insel Kunaschir:

Russland ist auf den Kurilen seit dem 18. Jahrhundert präsent, als Kosaken von Kamtschatka aus 1711 mit einer Expedition die Inseln aufsuchten. Unter der Leitung von Danila Anziferow und Iwan Kosyrewski landeten die Kosaken auf der nördlichen Kurileninsel Schumschu, wo sie auf die einheimischen Ainu trafen. Bald begannen diese, Tribut an die Kosaken zu zahlen. 1713 erreichte eine Abteilung von 55 Kosaken die nördlichen Kurilen, wo sie sich niederliessen. Mehr folgten in späteren Jahren. Zar Peter der Grosse schickte 1719 eine weitere Expedition zu den Kurilen, sie wurde von Iwan Ewereinow und Fjodor Luschin geführt. Hierbei wurde die Insel Simuschir entdeckt. 1779 befreite Zarin Katharina die Grosse alle russischen Siedler auf den Kurilen von Steuerzahlungen.

Ainu auf den Kurilen im 19. Jahrhundert:

Danila Jakowlewitsch Anziferow (Данила Яковлевич Анциферов) wurde 1711 zum Ataman (Hauptmann) der Kosaken von Kamtschatka gewählt. Gemeinsam mit Iwan Kosyrewski besuchte er die Kurilen und beschrieb sie als erster in schriftlichen Aufzeichnungen.  Eine der Kurileninseln trägt heute seinen Namen, ausserdem auch ein Kap und ein Vulkan auf der Insel Paramuschir. Iwan Petrowitsch Kosyrewski (Иван Петрович Козыревский) war ein Jakuten-Kosake polnischer Abstammung. Sein Grossvater war ein polnischer Adliger im Exil. Iwan Kosyrewski reiste mit Danila Anziferow zu den Kurilen. Später wurde er Mönch und nahm den Namen Ignatius an. Nach ihm sind ein Kap und ein Berg auf Paramuschir benannt, zudem eine Bucht und ein Kap auf der Insel Schumschu.

Kurileninsel Anziferow:

Seitdem sind dreihundert Jahre vergangen, vom Anfang des 18. bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts. Dreihundert Jahre russischer Siedlungsgeschichte auf den Kurilen, Russlands Tor zum Pazifik, werden sicher nicht im Handstreich aufgegeben werden. Diesen Gedanken könnte der russische Präsident Wladimir Putin im Hinterkopf gehabt haben, als er in Wladiwostok mit Japans Premierminister Shinzo Abe verhandelte. Die Kurilen werden sicher in russischer Hand bleiben – alle Inseln, die nördlichen und auch die südlichen Kurilen.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt derzeit in Moskau. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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