Olivia Kroth: Russlands berühmtes Ensemble Alexandrow

 Russlands berühmtes Ensemble Alexandrow

von Olivia Kroth

Das Jahr 2017 begann für die Russische Föderation sehr traurig, denn 60 Mitglieder des berühmten sowjetisch-russischen Ensembles Alexandrow starben am 25. Dezember 2016 bei einem Flugzeugabsturz im Schwarzen Meer.  Die Iljuschin-Maschine TU-154 stürzte kurz nach dem Start in Sotschi ab. Sie sollte nach Syrien fliegen, wo das Ensemble Alexandrow, auch bekannt als ‘Chor der Roten Armee’, für russische Soldaten im Luftwaffenstützpunkt Latakia ein Neujahrskonzert geben wollte.  Alle Sänger des Chors – bis auf drei, die zuhause geblieben waren – befanden sich an Bord und starben bei dieser Katastrophe. Auch der Chorleiter, Dirigent und Komponist Waleri Chalilow war dabei. Dies ist ein immenser Verlust für ihre hinterbliebenen Familien, die musikalische Welt und insbesondere für die Russische Föderation. Das Ensemble Alexandrow war weltweit beliebt. Mit seinem reichen und breit gefächerten Repertoire von mehr als 2.000 Liedern hatte es sich in die Herzen von vielen Menschen aller Generationen gesungen.  

“Weihnachten 2016 wird wegen des tragischen Verlustes von vielen Mitgliedern des Chors Alexandrow in Erinnerung bleiben, der auch als Chor der Roten Armee bekannt ist. Das Flugzeug TU-154 der russischen Streitkräfte hatte 92 Leute an Bord, darunter auch die Mitglieder des Ensembles Alexandrow. Es stürzte am frühen Morgen des 25. Dezember in das Schwarze Meer, als es unterwegs nach Syrien war. Das Ensemble Alexandrow ist der offizielle Armeechor der russischen Streitkräfte. Es wurde in der sowjetischen Ära gegründet. Dazu gehören ein Männerchor, ein Orchester und eine Tanzgruppe. Sie unterhielten Publikum in Russland und der ganzen Welt mit ihrem Programm, das aus Volksliedern, Hymnen, Opernarien und Militärmusik besteht. Das Ensemble Alexandrow sollte ein Neujahrskonzert für russische Truppen in Syrien geben, aber es verunglückte kurz nach dem Start in Sotschi. Das Militärflugzeug verschwand um 05:30 Uhr morgens vom Radarschirm. Es gibt keine Berichte von Überlebenden” (THE NEW INDIAN EXPRESS, 25.12.2016).

“Das Alexandrow-Ensemble war ein einmaliges Kollektiv, welches unsere Kultur weltweit repräsentierte. Sie hatten überall ein volles Haus und grossen Erfolg. Sie trugen ihren Namen mit grosser Würde, ihre Konzerte strahlten Magie aus”, sagte der russische Klassikpianist Denis Mazuew. “Unsere kulturelle Truppe ist untergegangen”, kommentierte im Fernsehen Alexander Kibowski, Leiter der Kulturabteilung in der Moskauer Stadtverwaltung. “Sie gaben immer in Kriegsgebieten Konzerte, sie trugen Uniformen, sie brachten Freundlichkeit und Licht” (CNN, 25.12.2016). David Johnston, Chef der Keltischen Dudelsäcke und Trommeln, bewunderte General Chalilow: “Er war eine fantastische und machtvolle Persönlichkeit. Es fällt mir schwer, den Verlust zu beschreiben. Wir arbeiteten eng mit General Chalilow zusammen” (RUSSIA TODAY, 25.12.2016).

Der weltbekannte serbische Filmregisseur Emir Kusturica trauerte gleichfalls über den Verlust. “Nichts und niemand kann sich mit dem Ensemble Alexandrow vergleichen. Ihr Gesang berührte uns tief im Herzen. Wir spielten oft gemeinsam. Nie im Leben habe ich solche kraftvolle Melodien anderweitig vernommen. Sie erhielten stets laute Hurra-Rufe, die sich über den gesamten Roten Platz in Moskau verbreiteten. Jedes Mal, wenn ich sie hörte, hatte ich Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Dieser Militärchor war unvergleichlich”, so erklärte Kusturica die Kraft des Alexandrow-Chors, erhabene Gefühle zu wecken (TASS, 26.12.2016).

Waleri Michailowitsch Chalilow (Валерий Михайлович Халилов) wurde am 30. Januar 1952 in einer Familie von Dirigenten des Militärs in Terms, Usbekistan geboren. Bis zum elften Lebensjahr besuchte er die Schule für Militärmusik in Moskau. Von 1970 bis 1975 war er Mitglied der Dirigentenfakultät am staatlichen Moskauer Tschaikowski-Konservatorium. 2002 wurde er durch seinen ersten Auftritt im nationalen Fernsehen als Hauptdirigent der kombinierten Musikkapellen bei der Siegesparade berühmt. Er war zudem 14 Jahre lang Hauptdirigent der Militärkapellen und emeritierter Direktor der zentralen Militärkapelle des Verteidigungsministeriums. General Chalilow organisierte viele festliche Aufführungen in Moskau, bei denen Militärkapellen aus Russland und anderen Ländern mitspielten. Solche Veranstaltungen waren unter anderem die militärischen Musikfestivals “Kremlin Sorja” und Spasskaja-Turm”.  Waleri Chalilow ging mit dem Ensemble Alexandrow auf Tourneen rund um die Welt.

Überdies war General Chalilow ein begabter Komponist, der Stücke für Blasorchester schrieb, zum Beispiel “Adagio”, “Elegie”, auch Märsche wie “Kadett”, “Jugend”, “Rynda”, “Ulan” sowie Romanzen und Lieder. Er komponierte neue Militärmärsche und Lieder, die am Tag des Sieges bei den Paraden gespielt wurden. Im Lauf seiner Karriere erhielt er den Orden der Ehre, den Orden für Dienst am Mutterland in den Streitkräften der UDSSR, die Medaille für militärische Verdienste, den Titel “Volkskünstler Russlands”.

Waleri Michailowitsch Chalilow – Валерий Михайлович Халилов (1952 – 2016)

Das Ensemble ist nach seinem Gründer Alexander Alexandrow benannt. Alexander Wassiljewitsch Alexandrow wurde am 13. April 1883 geboren. Er kam in einer Familie von Landwirten in Rachino zur Welt, einem Dorf des Distrikts Sacharowski in der Oblast Riasan südlich von Moskau. Sein musikalisches Talent zeigte sich bereits früh in der Jugend. 1918 gründete der Komponist das Ensemble Alexandrow, welches unter dem Namen “Chor der Roten Armee” berühmt wurde. Zudem komponierte er die Melodie für die Nationalhymne der Sowjetunion. Sie wurde 2001 auch für die Nationalhymne der Russischen Föderation übernommen.

Alexander Wassiljewitsch Alexandrow – Александр Васильевич Александров  (1883-1946)

Zu Lebzeiten leitete Alexander Wassiljewitsch Alexandrow das Ensemble als dessen künstlerischer Direktor, Chorleiter, Dirigent und Lehrer. Zunächst bestand das Ensemble aus Mitgliedern, die 1928 von dem Zentralhause der Frunze-Akademie der Roten Armee kamen. Der sowjetische Führer Josef Stalin hörte gerne ihre Musik und bat sie, nach Moskau überzusiedeln. 1929 unternahm das Ensemble eine Tournee durch den Fernen Osten der Sowjetunion, um die Truppen zu unterhalten, welche für die Eisenbahn des Fernen Ostens arbeiteten. 1933 war das Ensemble auf 300 Mitglieder angewachsen. Sie sangen Kompositionen von Anatoli Nowikow, Boris Mokrusow und Wassili Solowjow-Sedoi. 1935 erhielt das Ensemble den Orden des Roten Banners. Während des Grossen Patriotischen Krieges (1941-1945) gab das Ensemble mehr als 1.500 Aufführungen an verschiedenen sowjetischen Fronten und in Feldlazaretten.

Alexander Wassiljewitsch Alexandrow komponierte einige Kriegslieder, die ewigen Ruhm erlangten. Eines seiner bekanntesten Lieder ist “Der Heilige Krieg”. Die Lyrik stammt von Wassili Lebedew-Kumach (1898-1949).

Erste Strophe:

Steh auf, Riesenland,

Steh auf für den Überlebenskampf

Mit unzähligen Nazihorden,

Mit kraftvoller Macht!

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Grosser Patriotischer Krieg (1941-1945)

 Alexander Wassiljewitsch Alexandrow komponierte die Musik für “Der Heilige Krieg” am 22. Juni 1941, als Nazitruppen in die Sowjetunion einfielen. “Der Heilige Krieg” wurde erstmals am 26. Juni 1941 in der Beloruski-Bahnstation von Moskau aufgeführt, wo das Lied fünfmal in Folge gesungen wurde und nicht enden wollenden Applaus erhielt. Die Melodie wird immer noch jeden 9. Mai am Tag des Sieges für den Marsch der Farbengarde  auf dem Roten Platz in Moskau gespielt. 1942 erhielt Alexander Wassiljewitsch Alexandrow von Josef Stalin den Auftrag, die Melodie für die sowjetische Nationalhymne zu komponieren. Die Lyrik steuerte der Dichter Sergej Wladimirowitsch Michalkow (1913-2009) bei. Die sowjetische Nationalhymne trat offiziell am 1. Januar 1944 in Kraft und wurde schnell innerhalb der gesamten Sowjetunion enorm populär.

Alexander Wassiljewitsch Alexandrow komponierte zudem die Musik für den offiziellen Marsch der sowjetischen und der heutigen russischen Streitkräfte, das “Lied der sowjetischen Armee”. Der Untertitel lautet “Unbesiegbar und legendär”. Dieser Marsch wurde erstmals gegen Ende des Grossen Patriotischen Krieges aufgeführt, eine triumphale Musik mit Fanfaren und Trompeten. Für seine verdienstvolle Tätigkeit erhielt der Dirigent und Komponist verschiedene Orden, Auszeichnungen und Ehrentitel: 1935 Orden des Roten Sterns; 1937 Ehrung als Volkskünstler der UDSSR; 1939 Orden des Roten Banners; 1942 Stalin-Preis, 1. Klasse; 1943 Lenin-Orden.  An seinem 60. Geburtstag wurde er zum Generalmajor befördert.

Grosser Patriotischer Krieg (1941-1945)

1943 erlitt Alexander Wassiljewitsch Alexandrow eine Herzattacke. Seine Ärzte untersagten ihm, weiterhin das Ensemble zu dirigieren, doch er setzte diese Tätigkeit fort. Einer seiner Doktoren schrieb ihm: “Alexander, pass gut auf Dich auf! Es gibt viele Generäle in der Roten Armee, aber nur einen Alexander Alexandrow.” Der Dirigent hörte nicht auf die Ratschläge der Ärzte, sondern ging mit dem Ensemble auf Tournee an den Fronten in Polen und in der Tschechoslowakei. Am 8. Juli 1946 starb er an Herzversagen. In einem seiner letzten Briefe blickte er auf das Leben zurück: “Ich habe viel erlebt seit den Tagen, als ich ein Dorfjunge war und in Sandalen lief. Das Leben bedeutete für mich einen ständigen Kampf voller Arbeit und Sorgen. Gutes und Schlechtes ist mir widerfahren. Doch ich bereue nichts, sondern bin dankbar, dass mein Leben und meine Arbeit unserem geliebten Volk und Mutterland Früchte schenkten. Dies ist ein grosses Glück für mich.”

Nach seinem Ableben setzt der Sohn, Boris Alexandrowitsch Alexandrow (1905-1994), die Arbeit als zweiter Leiter des Alexandrow-Ensembles fort. An den Konservatorien von Leningrad und Moskau wurden Alexandrow-Stipendien eingerichtet. Ab dem Jahr 1970 verlieh das Kultusministerium der UDSSR die Gold- und Silbermedaillen “A.V. Alexandrow” als Auszeichnung für Komponisten, die patriotische Militärmusik schufen. Die erste dieser Goldmedaillen ging an den Sohn und Nachfolger Boris Alexandrowitsch Alexandrow.

Heute dient das Gesangs- und Tanz-Ensemble Alexandrow, zweimal mit dem Orden des Roten Banners ausgezeichnet, als offizieller Armeechor der russischen Streitkräfte. Er besteht aus Tenören, Baritonen und Bässen. Das Orchester verwendet eine Mischung alter und moderner Instrumente. Einige davon sind traditionelle russische Instrumente: Bajan, ein chromatisches Knopfakkordeon, in dem frühen 20. Jahrhundert in Russland entwickelt; Balalaika, ein dreieckiges Zupfinstrument mit drei Saiten und dreieckigem Resonanzkörper; Domra, ein rundes Zupfinstrument mit vier Saiten.

Die Tänzer führen typisch russische Tänze auf, zum Beispiel den Tanz der kosakischen Kavallerie, den Soldatentanz, den Matrosentanz oder den Festmarsch. Das Ensemble Alexandrow singt in der grossen maskulinen Gesangstradition russischer Chöre und überliefert Russlands reiches kulturelles Erbe. Heute geniesst es den Ruf als bestes Militärensemble der Welt und gibt regelmässig Konzerte auf allen Kontinenten. Die Musiker pflegen ihren eigenen charakteristischen Stil, der in internationalen Presseberichten als “eine militärische Ebene der Kameradschaft und Disziplin” und “stählerner, harmonisch reicher, maskuliner Klang” beschrieben wird. Die Soloisten werden alle als “exzellent” gelobt, sie “demonstrieren eine hervorragende Technik, die auf dem klassischen slawischen Ton basiert”. Über die Auswahl an Liedern auf internationalen Tourneen schrieben einige Kritiker: “Das slawische Programm ist durch und durch authentisch. Es wird mit dem typisch russischen Gefühl und mit reiner, unverwässerter Nostalgie aufgeführt.”

Bajan: Chromatisches Knopfakkordeon aus Russland

Die Internetseite des Ensembles ensemble-alexandrova.en informiert: “Heute ist das Akademische Gesangs- und Tanzensemble der Armee A.V. Alexandrow eine bekannte russische Qualitätsmarke, ebenso wie das Bolschoi-Theater, die Tretjakow-Galerie und die Diamantenausstellung in dem Moskauer Kreml. Das Alexandrow-Ensemble wird stets zu Regierungszeremonien eingeladen und tritt am Tag der Verteidiger des Mutterlandes im staatlichen Palast des Kremls auf, wenn der Präsident der Russischen Föderation anwesend ist.”

Hoffentlich werden jene Mitglieder des Ensembles, die noch leben, weil sie sich nicht an Bord des abgestürzten Flugzeugs befanden, die grosse Tradition und das Erbe von Alexandrow weitertragen, indem sie jüngere Generationen in den Liedern und Tänzen des Repertoirs unterweisen. “Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu sagte, er wolle alles Notwendige tun, um das Alexandrow-Ensemble wieder aufzubauen.  Das Verteidigungsministerium werde Hörproben abhalten, um die geeignetsten Musiker auszuwählen. Bald würden 70 Wohnungen für neue Mitglieder des Ensembles bereit gestellt, um die besten Musiktalente an den Chor zu binden” (PRESS TV, 27.12.2016).  Die Chancen stehen gut, dass die Überlebenden des berühmten Chors der Roten Armee Neuankömmlinge integrieren und unterrichten werden, damit die Welt auch in kommenden Jahrhunderten exzellente sowjetisch-russische Militärmusik hören kann.

Präsident Wladimir Putin – Verteidigungsminister Sergei Schoigu – Sekretär des Sicherheitsrats Nikolai Patruschew 

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Moskau. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

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