Olivia Kroth: Die Tradition der Herstellung von Spitze in Wologda

Die Tradition der Herstellung von Spitze in Wologda

von Olivia Kroth

Spitze aus Wologda ist heute ein bekannter Markenname. Er blickt auf eine stolze Geschichte zurück, die im 18. Jahrhundert begann. Diese Spitze, von Meisterinnen aus Wologda geklöppelt, gilt als Luxus in Russland. Die Muster folgen immer noch der Tradition dieses ehrwürdigen Kunsthandwerks. Es gibt Blumen- und Figurenmuster mit fliessenden, weichen Linien, meist in Weiss. Sie sehen aus wie Eisblumen am Fenster im Winter. Spitze aus Wologda wird aus Flachs- oder Baumwollfaden hergestellt. Sie ist leicht, dauerhaft und fest. Flachs aus Wologda besitzt eine spezielle Qualität, daher trägt er den Namen “Seide des Nordens”.

Das Museum der Spitze in Wologda stellt Alben mit Mustern von Meisterentwürfen aus. Sie zeigen stilisierte Blumen und Bäume, Vögel und Schmetterlinge. Einige dieser Stilistinnen sind grosse Künstlerinnen: Kapitolina Isakowa, “Hähne” (1957), Warwara Sibirtsewa, “Russische Märchen” (1968), Viktoria Elfina, “Singender Baum” (1978) und “Apfelbaum in Blüte” (1987). Das Museum der Spitze in Wologda hält auch internationale Spitzenfestivals ab für Teilnehmerinnen aus vielen Ländern, die sich jährlich zum Gedankenaustausch und zu gemeinsamen Arbeitskreisen treffen. Die Sammlung des Museums besteht aus 500 Ausstellungsstücken. Alle sind in Glasschränken mit Doppelscheiben platziert, um sie vor Licht, Feuchtigkeit und Staub zu schützen. Die Museumsdirektorin berichtet: “Dieses Museum ist in einem grossen Haus mit zwei Stockwerken untergebracht. Es ist ein vom Staat geschützter architektonischer Schatz im historischen Zentrum unserer Stadt. Es zieht Scharen von Touristen an. Wir erhalten viele Anfragen für Führungen.”

Präsentation eines Meisterwerks auf dem Internationalen VITA Spitzenfestival in Wologda: Kokoschnik aus Spitze, traditioneller Kopfschmuck russischer Frauen

Im Juni 2017 fand das dritte internationale VITA Festival der Spitze in Wologda statt.  Auf diesem Festival wurde alles gezeigt, was mit der Welt der Flachsindustrie zu tun hat: Materialien, Bekleidung, Textilien, Souvenirs, Spinngeräte und Zubehör. Das Programm des Festivals bot Wettbewerbe zur Spitzenherstellung und Ausstellungen an, thematische Arbeitskreise, Tischrunden, Modenschauen und andere kreative, kulturelle Veranstaltungen. Weil Präsident Wladimir Putin 2017 zum “Jahr der Ökologie” ausgerufen hatte, lautete das Motto des Festivals “Ökologie und Umwelt”. Die bekannte russische Modemacherin Uljana Sergejenko und Alexander Wasiljew, ein berühmter russischer Sammler historischer Mode, nahmen gleichfalls an dem Festival teil.  Mehr als 400 Gäste aus russischen Regionen und aus dem Ausland waren im staatlichen Museum der Spitze von Wologda registriert.

Präsident Putin trinkt Kaffee mit Textilarbeiterinnen in Wologda

Heutzutage wenden sich russische Modeschöpfer gerne den eigenen Wurzeln zu. In ihrem interessanten Artikel “Russisches Kunsthandwerk: Warum Spitze aus Wologda wieder in Mode ist” schreibt Anna Sorokina: “Wjatscheslaw Zaizew und Uljana Sergejenko erschaffen elegante Kreationen ‘à la Rus’ , indem sie traditionelle Muster, von Hand gestickte Ornamente und folkloristischen Stil in modernem Kontext anwenden. Seit dem Auftritt der amerikanischen Sängerin Beyoncé mit Spitzencape in ihrem Video ‘Jealous’ nimmt die Modewelt Notiz von Spitze aus Wologda. Dieses alte Kunsthandwerk hält Einkehr in die Garderobe modischer Frauen. Zudem  ist es eine beliebte Freizeitbeschäftigung in der Heimat, der Region Wologda, 400 km nordöstlich von Moskau. Das russiche Wort für ‘Spitze’ (kruschewo) bedeutet ‘umranden’ (okruschat), die Ränder von Kleidern und anderen Textilien mit Spitzen dekorieren” (RUSSIA BEYOND THE HEADLINES, 17.10.2017).

Internationales VITA Spitzenfestival in Wologda: Traditionelles russisches Hemd mit Spitzeneinsatz

Anna Sorokina kennt sich aus mit der Herstellung von Spitze: “Um ein Muster zu entwerfen braucht die Meisterin eine künstlerische Ausbildung und sollte etwas von der Technik des Klöppelns verstehen. Meist sind die Farben hell: beige und weiss, manchmal aber auch schwarz. Wenn das Spitzenstück gross werden soll, kann das Muster geteilt werden, so dass mehrere Leute daran arbeiten. Später werden die Teile zusammengenäht.  Spitze aus Wologda wird von Hand gefertigt mit Klöppeln aus  Holz. Die Spitze entsteht aus speziellen Baumwoll- oder Flachsfäden. Wenn Leinen oder anderes festes Gewebe mit Spitze dekoriert werden soll, wird das Muster grossflächig und weitmaschig angelegt. Für feine Stoffe aus Seide werden feine Spitzenornamente aus dünnen Fäden hergestellt. Eine Spitzenklöpplerin muss geduldig und ausdauernd sein. Die Meisterinnen wählen selbst ihre Klöppel aus. Ob modern oder alt, stammen diese Werkzeuge meist aus der Region von Wologda. Sie unterscheiden sich nicht nur in Umfang und Form, sondern sind auch aus verschiedenen Hölzern gefertigt. Was sehr wichtig ist: jeder Klöppel hat seinen eigenen Klang, Birke klingt anders als Esche” (RUSSIA BEYOND THE HEADLINES, 17.10.2017). Das Klöppeln von Spitze ist in der Gegend von Wologda eine ausgezeichnete Beschäftigung  für lange Winterabende. Die schönen Muster sehen aus wie Schneekristalle vor dem Fenster.

Spitzenklöppel aus Holz im Museum der Spitze von Wologda

Laut Internetseite der Oblast Wologda wird die Flachsindustrie durch zwei grosse Fabriken zur Herstellung von Materialien aus Flachs und durch etliche kleinere Betriebe in Wologda und Krasawino repräsentiert. Die Oblast Wologda verfügt auch über neun Werke zur Flachsverarbeitung und zwei Firmen für Flachs-Saatgut sowie 39 Flachsfarmen. Die führende Firma zur Herstellung von Spitze heisst Sneschinka, Schneeflocke. Sie stellt hochwertige Spitze her, die weltweiten Ruhm geniesst. Sneschinka wahrt die Traditionen, welche in der Vergangenheit wurzeln.

Präsident Putin trinkt Kaffee mit Textilarbeiterinnen in Wologda

Von Hand geklöppelte Spitze ist ihre Spezialität. Für die Fertigung werden viele Stunden benötigt. Die Firma beschäftigt professionelle Künstlerinnen und hoch qualifizierte Angestellte mit Talent und Kenntnissen dieses traditionellen Handwerks. In der Russischen Föderation und ausserhalb des Landes existiert eine grosse Nachfrage nach Spitze aus Wologda: Tischtücher und Servietten, Vorhänge und Stickereien, Kragen und Schals. Es sind schöne Meisterstücke, von Hand gearbeitet. Sneschinka betreibt auch eine Berufsschule, wo künftige Herstellerinnen von Spitze unterrichtet werden und praktische Erfahrungen sammeln können.

Präsident Putin verabschiedet sich mit Blumen von Textilarbeiterinnen in Wologda

Die Stadt ist das Verwaltungszentrum der Oblast Wologda. Sie wurde am linken Ufer des Flusses Wologda errichtet. Heute beherbergt sie etwa 302.000 Einwohner und bildet einen Verkehrsknotenpunkt in Russlands Nordwesten. Vom russischen Kultusministerium als historische Stadt klassifiziert, ist sie auch ein wichtiges Touristenzentrum. 224 Gebäude wurden unter kulturellen Denkmalschutz gestellt. Das Dreifaltigkeitskloster von Wologda wurde 1147 gegründet. Die Stadt fand 1264 zum ersten Mal schriftlich Erwähnung. Im 13. und 14. Jahrhundert bestanden alle Gebäude aus Holz. Während der Herrschaft von Wassili I. wurde Wologda 1397 zu einem Teil des Grossherzogtums von Moskau. Zar Iwan der Schreckliche machte Wologda zu einem der Haupthandelszentren Russlands. Zudem spielte die Stadt eine wichtige Rolle für den Transit von Gütern. 1565 beschloss Iwan der Schreckliche, hier eine Festung zu errichten, die als Kreml von Wologda bekannt wurde. Von 1568 bis 1570 wurde die Kathedrale der Heiligen Sophia unter persönlicher Überwachung des Zaren innerhalb des Kremls gebaut.

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Wologda: Kathedrale der Heiligen Sophia

Der Kreml von Wologda umfasst Meisterwerke russischer Architektur, zum Beispiel den Hof des Erzbischofs, den Glockenturm, die Kathedrale der Heiligen Sophia, die Geburtskirche, das Haus der Bischöfe und das Staatliche Museum für Geschichte. In der Nähe des Kremls steht ein Denkmal am Ufer des Flusses Wologda. Es zeigt den russischen Dichter Konstantin Nikolajewitsch Batjuschkow neben seinem Reitpferd. Er ging als Lehrer des berühmten Dichters Alexander Puschkin in die Geschichte ein. Unter der Dynastie der Romanows wurde Wologda einer der wichtigsten militärischen Stützpunkte des Russischen Reichs. Zar Peter der Grosse besuchte die Stadt mehrfach für längere Aufenthalte in den Jahren 1692, 1693, 1702, 1722 und 1724. Katharina die Grosse ernannte Wologda 1780 zum Zentrum des gleichnamigen Vizekönigtums.

Flagge von Wologda

Zwischen 1827 und 1905 wurde eine Eisenbahnstrecke konstruiert, welche die Stadt mit Jaroslawl, Moskau, Archangelsk, Sankt Petersburg und Wiatka verband. In den 1930er Jahren, zu Zeiten der Sowjetunion, erhielt Wologda eine Flachsfabrik, ein Werk zur Reparatur von Bussen und ein Sägewerk. Als der Grosse Patriotische Krieg (1941-1945) begann, verschob sich der Schwerpunkt der Industrie zur Produktion von militärischer Ausrüstung. In den 1960er Jahren weitete sich Wologdas Industrie aus. Die Stadt erhielt ein optisch-mechanisches Werk, eine grosse Hühnerfarm und die Polytechnische Universität. Zudem vergrösserte sich Wologda durch den Bau neuer Wohnviertel erheblich. 2003 wurde eine Ringstrasse eingerichtet, so dass das historische Stadtzentrum von Verkehr befreit werden konnte.

Traditionelle Holzhäuser in Wologda

Viele Häuser zeigen mit ihren geschnitzten Holzfassaden, Eingängen und Säulen Russlands authentischen Baustil. Die Stadt ist stolz auf ihre ruhmreiche Vergangenheit und ihre jetzige Bedeutung als wichtiges kulturelles Zentrum der Russischen Föderation. Wologda ist eine der am besten erhaltenen russischen Städte. Es lohnt einen Besuch im Sommer wie im Winter, wenn die Natur dem zarten Muster von Spitze aus Wologda ähnelt.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Moskau. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

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Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista
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