Olivia Kroth: Lektionen in russischer Geschichte – Die letzten Tage des letzten Zaren (II.Teil)

Lektionen in russischer Geschichte: Die letzten Tage des letzten Zaren (II. Teil)

von Olivia Kroth

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Ruhm und Ehre scheinen vergängliche Phänomene zu sein, schwer zu gewinnen, leicht zu verlieren. Der letzte Zar des Russischen Reichs, Nikolaus II., wurde von den Bolschewiken getötet. Sie schafften 1917/1918 das Zarentum endgültig ab. Doch hält sein Ruhm bis heute an und scheint sogar noch zu wachsen. Über sein Leben werden Filme gedreht und Bücher geschrieben. Kürzlich erschien sein Tagebuch als Taschenbuchausgabe in Frankreich: „Nicholas II – Journal intime“ (Perrin, Paris 2020), vom Herausgeber Jean-Christophe Buisson mit einem Kommentar versehen.

Der letzte Zar war ein frommer Mann, ein treuer Anhänger des russisch-orthodoxen Glaubens. Er ging regelmäßig mit seiner Familie zur Messe. Nikolaus II. war seiner Ehefrau ergeben und ein fürsorglicher Vater für seine fünf Kinder. Er war leicht beeinflussbar und weichherzig. Nach der Machtübernahme der Bolschewiken lebte er als Gefangener im Winterpalast von Zarskoje Selo. Der letzte Zar und seine Familie saßen wie exotische Vögel im vergoldeten Käfig in Gefangenschaft und warteten darauf, dass ihr Schicksal von den Revolutionären entschieden würde.

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Leben und Tod von Nikolaus II. sind noch heute von Interesse, da sie einen wichtigen Wendepunkt in der russischen Geschichte markieren. Der letzte Zar erlebte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts das Ende der autokratischen Monarchie und die Bildung einer kommunistischen Regierung. Er sah die Zerstörung einer alten, aristokratischen, privilegierten Lebensweise und den Aufbau einer neuen Präsenz mit dem Aufstieg des Proletariats.

Der Erste Weltkrieg (1914-1918) beschleunigte seinen Untergang, da er nach einigen hoffnungsvollen Ereignissen am Anfang schlecht für das Russische Reich lief. Aufgrund des maroden Eisenbahnsystems war die Versorgung der Truppen an der Front nicht gewährleistet. Russlands Wirtschaft war auch nicht in der Lage, genügend Nahrungsmittel und Heizmaterial für die Bevölkerung zu produzieren. Insgesamt starben zweieinhalb Millionen russische Soldaten, fast vier Millionen wurden im Ersten Weltkrieg verstümmelt.

Russische Soldaten im Ersten Weltkrieg:

Константинополь - главная цель России в Первой мировой войне

Nikolaus II. bekleidete die Position des Oberbefehlshabers der russischen Armee, obwohl er kein militärisches Genie war. An der Front wurde er nicht vermisst, sein Rat wurde nicht gebraucht. Der Herausgeber, Jean-Christophe Buisson, zitiert Generalleutnant Tscherewin, der über Nikolaus Romanow sagte: „Er ist ein so weiches Handtuch, dass man es nicht einmal waschen kann“ (Journal intime, S. 228).

Generalleutnant Pjotr ​​Alexandrowitsch Tscherewin (1837-1896) stammte aus dem Adel des Gouvernements Kostroma. Er nahm an den letzten Schlachten des Krimkriegs (1853–1856) teil und an der Niederschlagung des polnischen Aufstands (1863–1864). Im Jahr 1865 wurde er Kriegsminister des Russischen Reichs unter Zar Alexander II., dem Großvater des letzten Zaren.

Im Jahr 1877 kämpfte Generalleutnant Tscherewin erfolgreich im Russisch-Türkischen Krieg. Er starb am 8. Februar 1896 in Sankt Petersburg an einer Lungenentzündung, kurz vor der Krönungszeremonie von Nikolaus II. am 26. Mai 1896. Wenn man die Biographie von Pjotr ​​Tscherewin liest, erhält man den Eindruck, dass der Erste Weltkrieg möglicherweise für das Russische Reich besser ausgegangen wäre, hätte er von 1914 bis 1918 die russische Armee befehligt.

Porträt des russischen Generalleutnants Pjotr Tscherewin von Ilja Repin aus dem Jahr 1885:

Le général Pyotr Aleksandrovich Cherevin en uniforme de la garde impériale  (1885, Galerie Tretiakov, Moscou) d'Ilya Repine (1844-1930)

Nikolaus II. erwähnte den Krieg oft in seinem Tagebuch. 19.06./02.07.1917: „Kurz vor dem Abendessen erhielten wir die gute Nachricht von der beginnenden Offensive an der Südwestfront. In Richtung Solotschew brachen unsere Truppen nach einer zweitägigen Vorbereitung der Artillerie in die Stellungen der Feinde ein. Sie nahmen 176 Offiziere und 10.000 Soldaten gefangen. Gott sei gelobt! Hoffentlich geht das so weiter! Ich fühlte mich viel besser, nachdem ich diese erfreuliche Nachricht erhalten hatte“ (Journal intime, S. 104).

Die Südwestfront (Юго-Западный фронт) war eine Heeresgruppe der russischen Armee, welche für die Leitung von Operationen entlang einer 615 Kilometer langen Frontlinie verantwortlich war. Diese Heeresgruppe nahm an der Schlacht in Galizien und an der Brussilow-Offensive teil. Die Südwestfront kämpfte gegen österreichisch-ungarische, bulgarische und deutsche Truppen.

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05.07./18.07.1917: „In diesen Tagen gab es Unruhen mit Schießereien in Petrograd. Aus Kronstadt kam eine Schar von Matrosen und Soldaten, um gegen die Regierung zu protestieren. Unverständlich! Wo sind die Männer, welche diese Bewegung bremsen, Zwietracht und Blutvergießen beenden könnten?“ (Journal intime, S. 111).

Der Marinestützpunkt Kronstadt stand unter dem Einfluss von Bolschewiken und Anarchisten, welche gegen die Regierung kämpften. Bereits im Mai 1917 hatte der Kronstädter Sowjet die Macht in dieser Stadt ergriffen. Überall herrschte Unzufriedenheit über die Untätigkeit der Regierung, denn die seit langem versprochene Land- und Industriereform liess auf sich warten. Die Bevölkerung litt an Nahrungsmittelknappheit. Wegen dieser Zustände marschierten die Kronstädter Matrosen und Soldaten nach Petrograd. Ihre Losung lautete: „Alle Macht den Sowjets!“

Protestierende Matrosen aus Kronstadt:

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Schon bald erhielt der Zar schlechte Nachrichten von der Front. 13.07./26.07.1917: „In den letzten Tagen kamen schlechte Nachrichten aus dem Südwesten. Nach unserer Offensive bei Galitsch weigerte sich die Armee vorzurücken, sie kehrte ohne Druck der Feinde zurück. Unsere Soldaten sind von negativer Propaganda beeinflusst. Die Österreicher und Deutschen profitierten von der für sie günstigen Lage. Dies könnte unsere südwestliche Heeresgruppe behindern und zwingen, sich nach Osten zurückzuziehen. Es ist wirklich beschämend und ärgerlich!» (Journal intime, S. 113).

Die Pläne für das Exil des Zaren hatten sich gleichfalls geändert. Die Bolschewiken schickten ihn weder nach England noch auf die Krim, sondern nach Sibirien. 31.07./15.08.2017: „Unser letzter Tag in Zarskoje Selo. Wir fuhren in zwei Autos zum Alexander-Bahnhof. Dort stiegen wir in den Zug nach Tobolsk“ (Journal intime, S.121).

Wladimir Lenin, Organisator der Russischen Revolution:

Как сторонники версии о ритуальном убийстве представляют себе гибель  Николая II

Tobolsk (Тобольск) am Zusammenfluss von Tobol und Irtysch wurde 1590 gegründet. Es war die zweitälteste russische Siedlung östlich des Uralgebirges und die historische Hauptstadt des russischen Gouvernements Sibirien. Die Stadt wuchs schnell aufgrund der sibirischen Flussrouten und florierte durch ihren Handel mit China. Im Jahr 1708 erhielt Tobolsk die erste Schule, ein Theater und eine eigene Zeitung.

Nach dem Dekabristenaufstand (Восстание декабристов) am 14. Dezember 1825 wurden einige Dekabristen nach Sibirien deportiert. Sie ließen sich in Tobolsk nieder. Die Dekabristen waren russische Adlige und Intellektuelle mit liberalen Ideen. Um das Leid der russischen Bauern und Soldaten zu lindern, wollten sie die Gesellschaft reformieren. Sie kritisierten auch den verschwenderischen Lebensstil am zaristischen Hof und forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Die Entfernung von Zarskoje Selo nach Tobolsk beträgt 2.500 Kilometer. Für die bolschewistischen Revolutionäre war die Wahl von Tobolsk ein symbolischer Akt. Nikolaus II. und seine Familie wurden in dieselbe Stadt deportiert, in welcher einige der Dekabristen im Exil gelebt hatten. Die Zeiten änderten sich, der Spieß wurde umgedreht.

Tobolsk inSibirien:

Sibirien verstehen: Die Stadt Tobolsk - Russia Beyond DE

Die Fahrt des letzten Zaren nach Tobolsk wird in seinem Tagebuch wie eine luxuriöse Touristenreise beschrieben. 03.08./16.08.1917: „Wir durchquerten Perm und unternahmen einen Spaziergang bei Kungur entlang des Sylwa-Flusses in einem sehr schönen Tal“ (Journal intime, S.123).

Perm (Пермь) ist eine Stadt in der Region des Urals. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Perm zu einem bedeutenden Handels- und Industriezentrum mit über 20.000 Einwohnern. Die Stadt besaß mehrere Fabriken zur Herstellung von Metallurgie, Papier und Dampfschiffen. Im Jahr 1870 wurde ein Theater eröffnet. Heute ist Perm das Verwaltungszentrum der Region Perm mit einer Bevölkerung von über einer Million Einwohnern.

Perm im 19. Jahrhundert:

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Die Stadt Kungur (Кунгур) befindet sich südöstlich von Perm, am Zusammenfluss der Flüsse Iren, Schakwa und Sylwa. Im Jahr 1648 gegründet, wurde Kungur im 18. Jahrhundert zu einem Zentrum der Leder- und Schuhindustrie. Weithin bekannt war Kungurauch für die Herstellung von Seilen und Leinöl. Die Stadt spielte eine wichtige Rolle im Transithandel auf der sibirischen Straße.

Kungur ist der wichtigste Hafen am Fluss Sylwa (Сылва). Dieser schöne Fluss in der Region Perm hat eine Länge von 493 Kilometern. Er gefriert im November und bleibt bis April vereist. Jedes Jahr unternehmen Hunderte von Touristen Bootsfahrten auf dem Fluss Sylwa, der gemächlich durch das Naturschutzgebiet des Vor-Urals fließt, an steilen Klippen und versteinerten Überresten von Korallenriffen vorbei, die das Große Permische Meer hinterlassen hat.

Kungur am Fluss Sylwa, Region Perm, im Jahr 2015:

04.08./17.08.1917: „Als wir den Ural überquerten, sank die Temperatur sofort. Wir fuhren durch Jekaterinburg und kamen in Tjumen an. Der Zug hielt in der Nähe der Haltestelle. Dort bestiegen wir ein Schiff namens Rus. Der Transfer unseres Gepäcks dauerte die ganze Nacht“ (Journal intime, S. 123).

Der Herausgeber des Tagebuchs, Jean-Christophe Buisson, erklärt in seinem Kommentar, warum der Transfer so lange dauerte. Viele Gegenstände und Personen mussten an Bord des Schiffs gebracht werden: „Weinflaschen aus dem Weinkeller des Zaren, Teppiche, Porzellan und Tafelsilber, Gemälde, ein großer Koffer voller kostbarer Juwelen im Wert von etwa einer Million Rubel. Die sieben Mitglieder der Familie Romanow wurden von 46 Personen begleitet, darunter befanden sich einige Kabinettsmitglieder, zehn Lakaien, sieben Köche, sechs Butler, zwei Kammerdiener, ein Weinkoster, ein Friseur, ein Arzt, eine Krankenschwester, ein Sekretär, die Privatlehrer der Kinder, auch zwei Cocker Spaniels“ (Journal intime, S. 238).

Silberpokal des letzten russischen Zaren:

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06.08./19.08.1917: „Ich stand spät auf, weil ich wegen des Lärms an Bord schlecht schlafen konnte. Nachts wechselten wir von der Tura zum größeren Tobol über. Er hat höhere Böschungen“ (Journal intime, S. 123). Die Tura (Тура) ist ein historisch bedeutender sibirischer Fluss, der vom zentralen Ural nach Osten in den Tobol fließt. Von 1600 bis 1750 war die Tura der wichtigste Zugang nach Sibirien. Im oberen Tura-Becken befinden sich eine Reihe von Bergbaustädten. Mit einer Länge von 1.030 Kilometern ist dieser Fluss von November bis Mitte April zugefroren.

Der Tobol (Тобол) hat eine Länge von 1.591 Kilometern, sein Einzugsgebiet beträgt 426.000 Quadratkilometer. Dieser Fluss ist reich an Fischen: Barsche, Hechte, Karpfen, Plötze, Sibirische Störe werden hier gefangen. Der Tobol war früher einer der vier wichtigen Flüsse des sibirischen Khanats. Das Khanat Sibir war ein tatarisches Khanat mit der Hauptstadt Tobolsk. Dieses Khanat wurde 1425 von der Goldenen Horde gegründet und 1588 von Russland erobert. Nach ihm wurde das heutige Gebiet Sibirien benannt.

Der Fluss Tura im Ural, Frühjahr 2019:

Ende August 1917 ließ sich die Familie Romanow im Haus des Gouverneurs in Tobolsk nieder. Die Dienstboten wurden in benachbarten Häusern untergebracht. Hier las der Zar Bücher, fällte Bäume im Garten und sägte Holz. Außerdem spielte er mit seinen Kindern Billard, Domino, Karten oder würfelte, während er auf Nachrichten von der Front wartete.

24.08./06.09.1917: „Die schlechten Nachrichten von der Front werden leider bestätigt. Heute hörten wir, dass Riga evakuiert werden musste. Unsere Truppen zogen sich nach Nordosten zurück“ (Journal intime, S.132). Die Operation Riga wurde in der ersten Septemberwoche 1917 von der deutschen gegen die russische Armee durchgeführt. Sie endete mit dem Sieg der deutschen Truppen und der Einnahme von Riga. Bei dieser Operation wurden 125.000 Russen getötet, bis zu 15.000 wurden gefangen genommen oder galten als vermisst.

Russische Postkarte vom I. Weltkrieg in Riga:

Первая мировая война —

Im Oktober erreichten den Zaren weitere schlechte Nachrichten von der Front. 01.10./14.10.1917: „Wir haben ein Telegramm erhalten, dass die Deutschen die Inseln Ösel und Dagö eingenommen haben“ (Journal intime, S.124). Heute heißen diese Inseln Saaremaa und Hiiumaa. Sie gehören zu Estland. Nach Lettland nahmen die Deutschen auch Estland ein.

Das Russische Reich begann zu bröckeln. Im Baltikum und in Galizien, den nordwestlichen und südwestlichen Ecken des Reichs, gingen große Landstücke verloren. Als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende näherte, zeichnete sich für das Russische Reich eine Katastrophe ab. …

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Die nächste Fortsetzung folgt im November 2021:

„Die letzten Tage des letzten Zaren“ (III. Teil)

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Russland. Ihr Blog:

http://olivia2010.kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

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4 respuestas a Olivia Kroth: Lektionen in russischer Geschichte – Die letzten Tage des letzten Zaren (II.Teil)

  1. Pingback: Olivia Kroth: Lektionen in russischer Geschichte – Die letzten Tage des letzten Zaren (II.Teil) — Olivia2010kroth’s Blog – karovier blog

  2. Vielen Dank für den Abdruck des Artikels auf Deinem Blog, lieber Wolfgang.

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