Olivia Kroth: Zeiten des Wachstums für die russische Landwirtschaft

Zeiten des Wachstums für die russische Landwirtschaft

von Olivia Kroth

Seit einem Jahr hat Russland Sanktionen gegen Lebensmittel aus westlichen Ländern verhängt. In diesem Zeitraum konnte die russische Landwirtschaft einen Aufschwung verzeichnen, der viele Russen optimistisch in die Zukunft blicken lässt. “Endlich  sehen wir in unseren Geschäften Milch aus Kaluga und Kartoffeln aus der Region von Tula statt ausländischer Importe”, schreibt Inna Dulkina in ihrem Artikel “Wir kehren nach Russland zurück”. Wie diese Journalistin sind viele Russen froh darüber. “Nach und nach kehren die Russen zu ihrer Erde zurück. Wenn das Embargo andauert, können die russischen Landwirte profitieren”, weiss Inna Dulkina (COURRIER DE LA RUSSIE, 29.05.-12.06.2015)Laut Rosstat wuchs zwischen Januar und April 2015 in der Russischen Föderation die Käseproduktion um 30 Prozent, die Fleisch- und Geflügelproduktion um jeweils 13 Prozent, die Fischproduktion um sechs Prozent. 

Da das russische Landwirtschaftsministerium Ende Juni 2015 entschied, das Embargo fortzusetzen, dürfen die russischen Milch-, Käse-, Fisch-, Geflügel-, Fleisch- und Wursthersteller sich freuen. Sie können weiter expandieren ohne Konkurrenz aus der EU, den USA, Australien oder Kanada (TASS, 24.06.2015). Auch der Präsident von Russlands Teilrepublik Tschetschenien, Ramzan Kadyrow, betonte, dass einheimische Lebensmittel in Tschetschenien den Vorrang vor Importen geniessen. Mittlerweile produziert eine neu gegründete Fima in der tschetschenischen Stadt Gudermes 48 Sorten an Säuglingsnahrung. In dem Industriegebiet von Gudermes wollen sich ausserdem einheimische Fabrikanten von Fleischkonserven, Milchprodukten und Süsswaren ansiedeln (TASS, 17.07.2015).

Anfag Juli 2015 trat ein Gesetz in Kraft, welches in Russland Werbung für ungesunde Schnellkost verbietet. Es will hauptsächlich der sehr aggressiven Werbung für amerikanische Schnellkostketten Einhalt gebieten. Unter das Verbot fallen Produkte mit hohem Anteil an Fett, Salz und Zucker. Für solche Produkte darf im russischen Fernsehen von 7 bis 22 Uhr nicht geworben werden. Ausserdem ist diese Werbung in Kindergärten, Schulen, Kultur- und Sportstätten sowie militärischen Einrichtungen verboten (TASS, 07.07.2015). 

Ramzan Achmatowitsch Kadyrow: Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien

Zwei bekannte russische Filmregisseure planen, eine russische Schnellrestaurantkette zu eröffnen, die Hausfrauenkost anbietet und “Jedim Doma!” (Essen wir zuhause!) heissen soll. Die russische Regierung unterstützt das Projekt der Brüder Nikita Michalkow und Andrej Kontschalowski. In der neuen Restaurantkette sollen nur russische Lebensmittel und Zutaten verwendet werden, um die eigene Lebensmittelindustrie zu stärken. Die Brüder wollen zwei Fabrikküchen und 100 Schnellrestaurants eröffnen. Auf dem Speiseplan werden typisch russische Gerichte wie Bliny und Borscht stehen, auch das russiche Nationalgetränk Kwass darf nicht fehlen. “Gesundes und günstiges Essen für die Bevölkerung” lautet ihre Devise. Insofern hat ihr Projekt nicht nur gastronomischen, sondern auch sozialpolitischen Charakter (Moskauer Deutsche Zeitung, 12.05.2015).

Auch die Chefs bereits bestehender Restaurants machen sich Gedanken über das Embargo und die Gesetzeslage. Manche haben Schwierigkeiten, die ausländischen Zutaten zu ersetzen. Andere freuen sich, weil sie sowieso schon immer mit russischen Lebensmitteln und russischen Zutaten gekocht haben. Alexander Koschin, Leiter der Restaurantkette “Café de Marko”, glaubt, dass die Sanktionen keine grossen Hindernisse für Restaurantbetreiber bedeuten. Für seine Kette jedenfalls sind sie kein Problem: “Wir arbeiten mit einheimischen Produkten und werden unsere Speisekarte nicht ändern. Wir haben alles, was wir brauchen.” Sergej Osinzew, ein Restaurantbesitzer in Moskau, meint, dass es den Restaurants jetzt besser gelingen werde, gute Küche zu bieten, denn die importierten Produkte seien mit Antibiotika und Pestiziden gefüllt gewesen. Sergej Osinzew ist froh darüber, dass ihre Einfuhr verboten ist. Er ist stolz auf sein Restaurant: “Uns gibt es hier seit 20 Jahren. Alle Kunden wissen, dass unsere Produkte von russischen Bauern kommen” (RUSSIA & INDIA REPORT, 14.08.2014).

In der Russischen Föderation hat die Landwirtschaft oberste Priorität. Überall werden Gewächshäuser, Lager und Logistikkomplexe für Agrargüter installiert. Bis 2020 sollen moderne Gewächshäuser auf einer Fläche von 1.540 Hektar errichtet und bereits vorhandene Gewächshäuser auf 370 Hektar renoviert werden. Die Landwirtschaft trägt 3,2 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Bis 2020 wird sie mit 300 Milliarden Rubel jährlich subventioniert. Pflanzen- und Tierzucht werden besonders unterstützt. Vermehrt sollen Mais und Soja angebaut sowie neue Schweinemastanlagen eingerichtet werden. Schon seit langem ist die Russische Föderation einer der wichtigsten Getreideexporteure der Welt. Im Jahr 2014 exportierte Russland von den 100 Millionen Tonnen an erzeugtem Getreide etwa 29 Millionen Tonnen. 17 Millionen Tonnen wurden zum Backen von Brot gebraucht. 35 Millionen Tonnen wurden als Futtermittel verwendet, 10 Millionen Tonnen wurden als Saatgut zurückgelegt (GERMANY TRADE AND INVEST, 11.12.2014).

Seit April 2015 ist Alexander Tkatschjow Landwirtschaftsminister der Russischen Föderation. Vorher regierte er als Gouverneur die Region Krasnodar, 1.200 Kilometer südlich von Moskau gelegen. Sie gilt als die Kornkammer Russlands. Ihre fruchtbaren Böden am Fluss Kuban im nördlichen Kaukasus sind seit jeher ein Zentrum der russischen Landwirtschaft. Alexander Tkatschjow will verstärkt Anstrengungen unternehmen, um die Agrarproduktion anzukurbeln. Bei ihm ist dieses Ressort gut aufgehoben. Es war seine Idee, illegale Lebensmittelimporte nach Russland an den Grenzen zu vernichten. Diese Idee wurde von Präsident Wladimir Putin aufgegriffen und wird seit August 2015 in die Tat umgesetzt. Der Landwirtschaftsminister ist mit dem Ergebnis zufrieden, denn der Import von ausländischen Lebensmitteln wird sich bis Ende 2015 von 45 Milliarden Dollar auf 25 Milliarden Dollar verringern. “Wir importierten allein in den Jahren 2013 und 2014 Lebensmittel für 45 Milliarden Dollar. Das ist ein Riesenpotential. Diese Zahl ist jetzt auf 25 Milliarden Dollar gesunken. Wir haben also den Import um die Hälfte verringert und ausländische Lebensmittel durch heimische Produkte ersetzt”, bemerkte Alexander Tkatschjow zufrieden (TASS, 06.08.2015).

Alexander Nikolajewitsch Tkatschjow (Алекса́ндр Никола́евич Ткачёв) wurde am 23. Dezember 1960 in Wiselki geboren. Er studierte Ingenieurwissenschaften am Polytechnischen Institut in Krasnodar. 1994 wurde er in das Parlament der Region Krasnodar gewählt, ein Jahr darauf in das Parlament der Russischen Föderation, mit Wiederwahl im Jahr 1999.  Am 3. Dezember 2000 übernahm er das Amt des Gouverneurs der Region Krasnodar und wurde am 14. März 2004 hierfür ebenfalls wieder gewählt.

Wladimir Putin und Alexander Tkatschjow

Das Landwirtschaftsministerium meldete für 2014 eine Steigerung der Milchproduktion um 24.200 Tonnen auf 30 Millionen Tonnen. In 46 russischen Regionen wurde mehr Milch produziert. Den grössten Zuwachs hatte die föderale Republik Baschkortostan mit 62.100 Tonnen zu verzeichnen. Im Territorium von Altai steigerte sich die Milchproduktion um 51.000 Tonnen, in der Region Swerdlowsk um 38.800 Tonnen (TASS, 17.04.2015). Auch die Fischindustrie konnte kräftig zulegen. Sie erhält bis 2020 eine staatliche Unterstützung von 92 Miliarden Rubel, insbesondere für die Herstellung von Kaviar. Fischfarmen müssen erneuert oder neu installiert werden. Ausserdem werden Massnahmen für Entwicklung und Aquakultur gefördert. Nicht zuletzt sollen staatliche Marinehäfen mit Anlagen für die Fischerei ausgebaut werden. Bis 2020 wird eine Steigerung der heimischen Fischprodukte um 80 Prozent erwartet (undercurrentnews, 13.12.2014).

Wein wird im Süden Russlands entlang der Schwarzmeerküste von der Halbinsel Krim bis nach Sotschi angebaut. Bereits im siebten Jahrhundert etablierten griechische Siedler hier den Weinbau. Auf der Halbinsel Kertsch, der Halbinsel Taman und der sich anschliessenden Region von Anapa bis zum Kaukausus sieht man Weinberge, wo verschiedene Traubensorten kultiviert werden. Berühmt ist der “Schampanskoje” von der Krim. Er war im 19. Jahrhundert bei der russischen Aristokratie beliebt und wird noch heute gerne getrunken. Die staatliche Firma Massandra bei Jalta ist der grösste Weinproduzent auf der Krim.  Massandra wurde am 26. März 2014 verstaatlicht und in die präsidiale Verwaltung von Liegenschaften überführt. Die Fima besitzt zurzeit 21.000 Hektar an Weinbergen. 1991 waren es jedoch 26.000 Hektar. Massandra will die verlorenen Hektar wieder bekommen, welche 1991 illegal abgezweigt wurden, und die Tradition des Weinanbaus auf der Krim fortzuführen (TASS, 05.05.2015). 

Insgesamt ist zu bemerken, dass die Russen seit Beginn der Sanktionen patriotischer geworden sind. Dies gilt insbesondere auch für den Konsum von Lebensmitteln. Die Russen essen und trinken gerne ihre heimischen Produkte. Sie tun es ganz bewusst und es darf auch ein wenig teurer sein. “Sie wollen die Nahrung essen, die bei ihnen zuhause hergestellt wird, nicht Tausende von Kilometern entfernt, jenseits der Landesgrenzen. Sie wollen ihr eigenes Land gedeihen sehen”, schreibt Inna Dulkina in dem eingangs zitierten Artikel des COURRIER DE LA RUSSIE. “Dass die Russen vorher hauptsächlich ausländische Produkte konsumieren mussten, wurde oft als Erniedrigung erlebt. Das war lange Zeit in Russland der Fall. Wir haben zu lange unsere Antworten in den Augen von Fremden gesucht. Es ist an der Zeit, uns nach innen zu wenden, in uns selbst zu suchen”, fordert Inna Dulkina. Jetzt ist Russland aufgewacht und befindet sich auf dem Weg zu sich selbst.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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