Olivia Kroth: 150 Jahre “Schuld und Sühne” von Fjodor Dostojewski

150 Jahre “Schuld und Sühne” von Fjodor Michailowitsch Dostojewski

von Olivia Kroth

2016 jährt sich zum 150. Mal “Schuld und Sühne”, einer der grossen Romane der Weltliteratur. Er ist immer noch aktuell, heute mehr denn je. Der 1866 erschienene Roman des russischen Autors Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) wurde als Feuilletonroman mit zwölf Fortsetzungen in der Monatszeitschrift Russki Westnik (Der russische Bote) veröffentlicht, beginnend Ende Januar 1866 und endend im Dezember 1866. Den Hintergrund bildete die Stadt Sankt Petersburg, nicht die Stadt der glänzenden Paläste und des Zarenhofs, sondern die Stadt der armen Menschen, welche in Vororten hausten und Not litten, oft nichts zu essen fanden und sich überlegen mussten, wie sie die nächste Miete bezahlen würden. “Wir sind alle dem Mantel von Nikolaj Gogol entsprungen”, schrieb Fjodor Dostojewski. Beide russischen Schriftsteller verstanden meisterhaft, die Welt der kleinen Leute zu schildern. Ihre detailgetreuen Porträts von hemdsärmeligen, dummen Polizisten oder engstirnigen, habgierigen Wohnungsvermietern könnten uns an gewisse Zeitgenossen erinnern. Es sind lebens- und zeitnahe Porträts,  damals wie heute. 

Sankt Petersburg, 1703 von Zar Peter dem Grossen auf Sumpfgelände am Ufer der Newa gegründet, ist eine Wasserstadt. Kanäle zur Drainage durchziehen sie wie Adern. Im Delta des Flusses liegen eine Reihe von Inseln. Zu der Zeit, in welcher der Roman entstand, lebten reiche Aristokraten und Kaufleute auf den Inseln. Die Insel Wassiljewski spielt in dem Roman eine Rolle. Dort gehen die Petersburger gerne spazieren. Auch der arme Student Rodion Raskolnikow erholt sich in dieser schönen Gegend:

“Er lief quer über die Insel Wassiljewski. Das Grün und die Frische taten zunächst seinen müden Augen gut, die sich an den Staub der Stadt gewöhnt hatten. Hier gab es weder erdrückende Hitze noch schlechte Gerüche. Gelegentlich hielt er vor einer Villa an, die von Grün umgeben war, er schaute über den Zaun, sah von weitem die Balkone und Terrassen, gut gekleidete Damen und Kinder, welche durch den Garten rannten. Insbesondere die Blumen zogen ihn an. Er betrachtete sie lange. Überdies begegnete  er herrlichen Kutschen, Reitern und Reiterinnen. Er folgte ihnen neugierig mit den Augen und vergass sie sofort wieder, noch bevor  sie aus seinem Blickfeld verschwunden waren. Einmal hielt er an und zählte sein Geld. Er stellte fest, dass er dreissig Kopeken besass.” 

Die Wasserstadt Sankt Petersburg:

Auch der Winterpalast und die Sankt-Isaaks-Kathedrale werden erwähnt. Hier geht Rodion Raskolnikow ebenfalls regelmässig spazieren: “Er wandte sich zur Newa in Richtung des Winterpalasts. Der Himmel war wolkenlos und das Wasser fast blau, was selten vorkommt bei der Newa. Die Kuppel der Kathedrale, deren Silhouette nirgends so deutlich zu erkennen war wie von der Brücke aus, nur wenige Schritte von der Kapelle entfernt, glänzte und man konnte in der reinen Luft sogar jedes ihrer Ornamente deutlich wahrnehmen. Als er die Universität noch besuchte, war er vielleicht hundert Mal auf dem Heimweg genau hier stehen geblieben, um dieses herrliche Panomara aufmerksam zu betrachten und sich jedes Mal über seine Verwirrung zu wundern, welche er nicht genau beschreiben konnte. Er empfand beim Anblick des grossartigen Panoramas stets eine unerklärliche Kälte.”

In diesen beschreibenden Passagen wird deutlich, dass der arme junge Mann nicht nur Bewunderung, sondern auch Neid für die privilegierte Klasse empfindet, welche auf den schönen Inseln residiert, während er in einem engen, finsteren Loch haust. Auch die Pracht der Sankt-Isaaks-Kathedrale lässt sein Herz kalt werden. Er selbst kann das Gefühl  nicht erklären, aber der Leser weiss sehr wohl, wie ihm zumute ist. Fjodor Dostojewski versteht es meisterhaft, die Schilderung der Stadt mit der Charakteristik von Personen zu verbinden. Die Stadt Petersburg dient ihm als Spiegel für das Seelenleben seiner Figuren: wie innen, so aussen. Wer arm ist, der empfindet Kälte und Neid beim Anblick von Prunk.

Sankt-Isaaks-Kathedrale:

Der Jura-Student Rodion Romanowitsch Raskolnikow ist die Hauptfigur des Romans “Schuld und Sühne”. Er lebt in bitterer Armut und hat das Studium aufgegeben. Eines Tages beschliesst er, die Pfandleiherin  zu ermorden und zu berauben, bei der er sich gelegentlich Geld besorgt. Mit einem Beil erschlägt er die Pfandleiherin Alina Iwanowna und ihre Schwester, die zu Besuch kommt und über die Leiche ihrer Schwester stolpert. Obgleich er danach versucht, vor seinem Gewissen die Tat zu rechtfertigen, gelingt ihm dies nicht. Er findet keine Ruhe mehr und erkrankt an Fieber. Schliesslich stellt er sich der Polizei und wird zu acht Jahren Haft in einem sibirischen Arbeitslager verurteilt, wo er seine Straftat sühnt.

Das Ende des Romans im sibirischen Arbeitslager hat einen persönlichen, autobiografischen Hindergrund. Fjodor Dostojewski verbrachte selbst vier Jahre in einem sibirischen Straflager, von 1850 bis 1854. Der Autor gehörte einem subversiven Zirkel an, der den Dezembristen nahestand, die Zar Nikolaus I. stürzen wollten. 1849 wurde Dostojewski verhaftet und zum Tode verurteilt, später jedoch begnadigt und nach Sibirien geschickt, wo er vier Jahre in dem Gefängnislager von Omsk verbrachte.  Nach seiner Freilassung publizierte Fjodor Dostojewski den teilweise autobiografischen Roman “Aufzeichnungen aus einem Totenhaus” (Записки из Мёртвого дома). Das Werk, in welchem er seine Erlebnisse in Sibirien verarbeitete, erschien 1862.

Im sibirischen Straflager:

Ein Grossteil des Romans “Schuld und Sühne” besteht aus Raskolnikows inneren Monologen, mit denen er die Mordtat vorbereitet und hinterher rechtfertigen will. So findet er es ungerecht, dass die Grossen dieser Welt ihre Morde als Heldentaten darstellen dürfen, während die Kleinen als Verbrecher bestraft werden. Der Autor selbst fand Napoleon Bonaparte einen Kriminellen, der das Blut vieler Menschen mutwillig vergoss. Die Figur des Rodion Romanowitsch Raskolnikow beurteilt Napoleon in einer Weise, die der Meinung des Schriftstellers entsprach:

“Alle Gründer und Gesetzgeber, die Napoleone, und so weiter, waren kriminell. Sie machten nicht Halt vor dem Vergiessen von Blut, wenn es ihnen half. Es ist sogar bemerkenswert, dass diese sogenannten Wohltäter der Menschheit Ströme von Blut fliessen liessen. Sie sind alle destruktiv. Für ihre Ideen gehen sie über Leichen. Sie töteten Tausende von Menschen und hielten es für eine Tugend.”

“Raskolnikow” – gezeichnet von Ilja Glasunow:

Der Roman “Schuld und Sühne” enthält fantastische Elemente und Kennzeichen des Detektivromans, ist jedoch auch dem Sozialen Realismus verpflichtet. Diese Strömung in der russischen Kunst und Literatur griff zeitgenössische Themen auf und verwies auf die Notwendigkeit sozialer Reformen. Fjodor Dostojewski zeigt die Figur der Katharina Iwanowna als Sinnbild von Armut und Verzweiflung. Sie lebt in Sankt Petersburg und ist mit einem Trinker verheiratet, der seine kümmerliche Pension vertrinkt, während sie die gemeinsamen Kinder gross zieht:

“Katharina Iwanowna lief zum Fenster. In der Ecke stand auf einem beschädigten Stuhl ein grosser Waschzuber, mit Wasser gefüllt. Sie hatte ihn vorbereitet, um in der Nacht die Wäsche der Kinder und ihres Ehemanns zu waschen. Katharina Iwanowna wusch zwei Nächte in der Woche, manchmal sogar mehr, denn die Familie hatte keine Unterwäsche zum Wechseln. Jedes Familienmitglied besass nur eine einzige Garnitur.” 

Fjodor Dostojewskis Wohnzimmer in Sankt Petersburg:

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Zu allem Unglück wird Katharina Iwanownas betrunkener Ehemann auf der Strasse von einer Droschke erfasst. Das Pferd trampelt ihn tot. Danach versinkt die Familie vollends im Elend. Sie versuchen als Strassenmusikanten einige Kopeken zu verdienen: “Katharina Iwanowna trug ihr altes Kleid und war in einen Schal gehüllt. Auf dem Kopf hing ein kaputter Strohhut schief, wie eine unförmige Kugel. Ihr Gesicht zeigte das Leiden einer Schwindsüchtigen. Sie ermahnte die Kinder, forderte sie auf, vor aller Welt zu tanzen und zu singen.” 

Kurz bevor sie an Schwindsucht (Tuberkulose) stirbt, sagt sie: “Wenn der Zar vorbeifährt, werde ich mich vor ihm auf die Knie werfen. Ich werde ihm meine Kinder zeigen und ihn bitten: Schütze uns, Vater!” Doch der Zar fuhr nicht vorbei. Er mied die Wohnviertel der Armen in Sankt Petersburg. Das Leiden seines Volks interessierte ihn nicht. Lieber feierte er glanzvolle Feste in den Sälen seiner Residenzen, wo die Hofgesellschaft tanzte. Essen und Trinken gab es in Hülle und Fülle, während das russische Volk darbte.

Das alte Sankt Petersburg:

Der Schriftsteller Fjodor Dostojewski wurde am 30. Oktober 1821 im Sternzeichen des Skorpions geboren. Der astrologische Skorpion unter der Herrschaft von Pluto beschäftigt sich intensiv mit dem Tod, wie die Psychotherapeutin Liz Greene schreibt: “Die Aspekte Plutos scheinen mit grosser Regelmässigkeit in den Horoskopen mancher Menschen aufzutreten, in deren Leben das Schicksal sehr deutlich eingedrungen ist durch Krankheit, Erbschaden oder Tod (Liz Greene, Schicksal und Astrologie. Heyne, München 1983). 

Fjodor Dostojewski litt an Epilepsie, einem Erbschaden. Ausserdem drang der Tod schon sehr früh in seine Familie ein. Die Mutter, Maria Netschajewa, starb 1837 an Tuberkulose, als Fjodor 16 Jahre jung war. Der Vater, Michail Dostojewski, wurde 1839 von Leibeigenen ermordet, weil er sie schlecht behandelt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Fjodor 18 Jahre jung und wurde Vollwaise. Später verlor er sein erstes Kind, die Tochter Sonja. Sie lebte nur drei Monate lang. Der Säugling starb am 12. Mai 1868. Es überrascht deshalb nicht, dass der Tod als zentrales Motiv in den Romanen des Autors zu finden ist. Viele seiner Figuren sterben an Tuberkulose, begehen Selbstmord oder werden ermordet.

Liz Greene deutet Pluto in den Horoskopen kreativer Menschen auf folgende Weise: “Ein kollektives Schicksal tritt hier in das Leben des Individuums ein. Es liegt auch Erlösung in dieser Art der Begegnung mit dem Schicksal. Denn die Fähigkeit, das gerne zu tun, was ich tun muss, bringt das Ich in Verbindung mit einem ewigen und sinnvoll zusammenhängenden Kosmos. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass, wenn Pluto in dem Geburtshoroskop eine starke Position inne hat, das Individuum sich der Aufgabe gegenüber sieht, das grosse Kollektiv zu tragen oder zu erlösen, zu dem nur er fähig oder in der Lage ist” (Liz Greene, ebd).

Der Autor Fjodor Dostojewski war fähig und in der Lage, das grosse russische Kollektiv zu tragen und zu erlösen. In dem Roman “Schuld und Sühne” wird die Seele von Raskolnikow geläutert und er bekommt eine Frau, die ihn liebt. Auch der Leser fühlt sich wie erlöst am Ende dieses düsteren Romans. Nach all dem Jammer, Schrecken und Schauder atmet man erleichtert auf, dass der Roman eine gute Wendung nimmt. So entfaltet das Werk seine erlösende, kathartische Wirkung, mit dem sich der Schriftsteller Fjodor Dostojewski einen Ehrenplatz im Pantheon unsterblicher Weltliteratur sicherte. Seine Werke waren und sind von zeitloser Aussagekraft und Intensität. Ihre Deutung von Leben und Tod ist ebenso ungewöhnlich wie allgemeingültig.

Ein zeitgenössisches Porträt des Schriftstellers, 1872 von dem russischen Maler Wassili Perow gemalt, fängt die Wesensmerkmale von Fjodor Dostojewski ein. Heute hängt es im Saal 17 der Tretjakow-Galerie in Moskau.  Die hohen Wangenknochen, der Schnurrbart und Vollbart zeigen den typischen Russen, einen slawischen Typ. Seine dunklen Augen, der intensive Blick, der nicht zum Betrachter, sondern nach innen schaut, und die schlichte Kleidung deuten an, dass für Fjodor Dostojewski das Innenleben seiner Gedanken wichtiger war als Äusserlichkeiten. Dieses Gemälde gilt als Wassili Perows Meisterwerk im Genre der Porträts. Seine Darstellung des Schriftstellers prägte sich in der Erinnerung des russischen Volks ein. Der Maler stellte den Schriftsteller kontemplativ, in seine innere Welt versunken dar. Die Ehefrau Anna Dostojewskaja fand das Werk des Malers sehr gelungen. Sie meinte, dass es ihren Ehemann in einer typischen Pose zeige: “Ich habe oft diesen Ausdruck auf Fjodor Michailowitschs Gesicht gesehen. Wenn ich sein Zimmer betrat, bemerkte ich, dass er in sich selbst hineinschaute. Dann ging ich leise  wieder hinaus, ohne etwas zu sagen.”

“Fjodor Dostojewski” – porträtiert von Wassili Perow (1834-1882):

Ebenso wie der Schriftsteller hatte auch der Maler ein soziales Gewissen. Er stellte die grassierende Armut in seinen Ölgemälden dar. Fjodor Dostojewski und Wassili Perow waren sich im Wesen sehr ähnlich. Der eine drückte seine Sozialkritik an den herrschenden Zuständen literarisch aus, der andere malerisch. Beide gelten als Vertreter des Sozialen Realismus in Russland. Beiden Künstlern war das ethische Anliegen wichtiger als die Ästhetik. Sowohl der Maler als auch der Schriftsteller zeigten die Implikationen und Konsequenzen von Not und Misere, Armut und beengten Wohnverhältnissen der unteresten Gesellschaftsschicht im Russischen Reich. Wassili Perows Gemälde “Schlafende Kinder” von 1870 könnte beinahe als Illustration für Dostojewskis Roman “Schuld und Sühne” dienen. Die beiden in Lumpen gekleideten Kinder schlafen auf einer durchlöcherten Pritsche, barfüssig, ohne Decke. Es könnten die armen Kinder der Witwe Katherina Iwanowna aus Dostojewskis Roman sein.

Beide, Fjodor Dostojewski wie Wassili Perow, weisen über sich selbst und ihre Zeit weit hinaus. Ihre Werke gehören zum Besten, was Russland zu bieten hat.

 Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Südfrankreich. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista: Pravda
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