Olivia Kroth: Dem Europäischen Bison geht es gut in Russland

Dem Europäischen Bison geht es gut in Russland

von Olivia Kroth

Der Europäische Bison (Bison bonasus) steht in Russland als gefährdete Tierart auf der Roten Liste. Es gibt nur noch circa 1.500 wild lebende Bisons in der Russischen Föderation, aber das russische Ministerium für Naturschutz kümmert sich darum, dass diese Tierart erhalten wird. Unter Präsident Wladimir Putins Führung, der als sehr tierliebend bekannt ist, widmet sich Russland intensiv der Pflege und dem Schutz einheimischer Tierarten. So unterstützt die Regierung Naturreservate, damit gefährdete Wildtiere angemessene Lebensräume finden, wo sie sich fortpflanzen und ihrem Nachwuchs widmen können. 2002 gab das russische Ministerium für Naturschutz ein Programm zur Arterhaltung des Europäischen Bisons heraus. Seitdem ist die Zahl der freilebenden Herden um mehr als das Dreifache gestiegen. Drei russische Regionen kümmern sich insbesondere um den Europäischen Bison: die Oblast Brjansk (Брянская область), die Oblast Kaluga (Калужская область) und die Oblast Tula ( Тульская область).

Nach Schätzungen des Ministeriums wird die Zahl freilebender Bisons in Russland bis zum Jahresende 2017 auf 500 und in zehn Jahren auf 1000 steigen. “Bis 2020 wird das Vorkommen des Europäischen Bisons in Russland das grösste der Erde sein”, sagte Sergei Donskoi, Minister für Naturressourcen.

“In dem Naturreservat der Gebücke von Kaluga, Oblast Kaluga, leben etwa 160 Bisons. Diese Herde wächst jährlich um circa 30 Prozent. Eine stabile Gruppe von Bisons hat sich ebenfalls im Grenzgebiet zwischen der Oblast Orjol, Oblast Kaluga und Oblast Brjansk geformt. Zwei Bisonkühe wurden 2017 vom Naturreservat der Gebücke von Kaluga in das Naturreservat Brjansker Wald gebracht, wo man seit 2011 an einem Projekt arbeitet, die Population freilebender Bisons zu erhalten. Die einheimischen Herden benötigen dringend Bisonkühe. Mit den beiden Neuzugängen hoffen nun die Spezialisten, dass die Herde im Brjansker Wald schneller wachsen wird. Ausserdem werden zwei weitere weibliche Tiere aus dem Nationalpark Orjol Polesye erwartet” (TASS, 07.03.2017).

Der Europäische Bison (Bison bonasus), auch Wisent genannt, ist eine eurasische Spezies. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese Tierart durch die Jagd beinahe ausgerottet. Die Tiere wurden auch wegen ihrer Haut getötet. Aus ihren Hörnern wurden Trinkhörner fabriziert. Ausser den Menschen hatte der Wisent fast keine natürlichen Feinde. Auf russischem Territorium gab es früher Wisente im Kaukasus, entlang der Wolga und in den weiten Steppen östlich des Urals. Sie lebten auch im sibirischen Altaigebirge, rund um den Baikalsee und auf der Insel Kamtschatka in Russlands Fernem Osten.

Ein ausgewachsener Bulle wiegt bis zu 1000 Kilogramm, die Höhe des Widerrists beträgt etwa zwei Meter. Damit ist der Europäische Bison Europas grösstes Säugetier. Bei der Geburt sind die Kälber ziemlich klein und wiegen nur 15 bis 35 Kilogramm. Wisente fressen hauptsächlich Gras, Blätter und Sprossen. Im Sommer braucht ein erwachsener Bulle täglich etwa 32 Kilogramm Futter und viel Wasser. Im Winter brechen die Wisente mit ihren schweren Hufen Eisflächen auf, um an Trinkwasser zu gelangen. Sie sind gute Schwimmer, die schwimmend Flüsse überqueren. Auch springen sie gerne über Zäune.

Der Europäische Bison ist ein Herdentier, das in gemischten oder reinen Bullenherden lebt. Gemischte Herden bestehen aus erwachsenen Kühen, jungen Bullen und Kälbern von zwei bis drei Jahren. In einer gemischen Herde leben durchschnittlich acht bis dreizehn Tiere. Reine Bullenherden sind kleiner, meistens nur zwei Tiere je Herde. Die Herden des Wisent bilden keine festen Familieneinheiten. Sie mischen sich häufig und tauschen untereinander Tiere aus. Die Grösse des bewohnten Territorums hängt vom Alter der Bullen ab. Fünf- bis sechsjährige Jungbullen bewohnen grössere Flächen als ältere Bullen. Der Wisent verteidigt sein Territorium nicht. Oft überschneiden sich die Territorien verschiedener Wisentherden. Kerngebiete sind Wiesen in Wassernähe.

Die Brunftzeit ist August bis Oktober. Nach einer Tragezeit von 264 Tagen gebären die Kühe jeweils ein einzelnes Kalb, das binnen zwei Stunden zur Welt kommt. Meist kann es schon nach 30 Minuten auf den Beinen stehen. Wenige Tage nach der Geburt schliessen sich die Kühe mit ihren Kälbern wieder der Herde an. Die Kälber bleiben ständig in unmittelbarerer Nähe zur Mutterkuh und werden drei Monate lang gesäugt. Wisentbullen erreichen die Geschlechtsreife mit zwei Jahren, die Kühe erst nach drei Jahren. Wisentbullen werden durchschnittlich 20 Jahre, Wisentkühe 25 Jahre alt.

Das russische Naturreservat “Brjansker Wald” lohnt einen Besuch. Tierfreunde können dort Wisente in ihrem natürlichen Lebensraum sehen. Das pittoreske Naturschutzgebiet liegt in der Oblast Brjansk, nahe an der Grenze zur Ukraine. 2001 erhielt der “Brjansker Wald” den Status eines Biosphärereservats der UNESCO in ihrem Programm “Mensch und Biosphäre”. Mit diesem Status kann der “Bransker Wald” als Testgelände für neue Formen von nachhaltiger Entwicklung genutzt werden, um die Bedürfnisse von Mensch und Natur in Einklang zu bringen.

Das Naturreservat “Brjansker Wald” wurde am 14. Juli 1987  in Westrussland gegründet. Es ist eines der 15 kleinsten staatlichen Reservate Russlands mit 12.186 Hektar Schwemmgebiet der Flüsse Desna und Nerussa. Die Desna (Десна) ist ein Nebenfluss des Dnjepr im westlichen Teil Russlands, die Nerussa (Нерусса) ein linker Nebenfluss der Desna in der Oblast Orjol und Oblast Brjansk.

Die Nerussa im Winter:

Das Naturreservat “Brjansker Wald” umfasst 0,3 Prozent der Oblast Brjansk und 1,45 der Wälder in dieser Gegend. Um das Reservat als ursprüngliche Wildness gegen Einflüsse von Menschenhand zu schützen, wurde rundherum eine Pufferzone von circa 10 Hektar geschaffen. Die Regelung für diese Zone ist nicht so streng wie die für das Kerngebiet. Hier dürfen Besucher fischen, Beeren und Pilze sammeln.

Besucher müssen sich anmelden, wenn sie an einem der speziellen Gastprogramme im Naturschutzgebiet “Brjansker Wald” teilnehmen wollen. Auf der Internetseite des Reservats steht in russischer und englischer Sprache zu lesen: “Umweltschutz und Ökotourismus stehen ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Wir erklären Besuchern, warum es wichtig ist, das Ökosystem unseres Brjansker Waldes intakt zu erhalten. Wir führen Veranstaltung durch mit Wettbewerben für Kinder, damit sie den Sinn von Naturschutz verstehen lernen. Gäste sind willkommen. Wir zeigen ihnen, wie wunderbar es ist, wenn sie helfen, den Brjansker Wald zu schützen. Neben speziellen Naturschutzveranstaltungen mit Ökotouristen und Wettbewerben bieten wir auch Fotoausstellungen, Führungen, Exkursionen auf Waldwegen und längeren Strecken in der Natur. Alle Exkursionen und Wanderungen im Brjansker Wald sind so organisiert, dass das Gelände des Reservats nicht geschädigt wird und sein natürliches Erscheinungsbild behält.”

http://en.bryansky-les.ru/territory/

Wisente leben auch im Naturreservat “Gebücke von Kaluga” (Государственный природный заповедник «Калужские засеки») in der Oblast Kaluga. Diese Gegend mit altem Baumbestand wird seit tausend Jahren geschützt. Offiziell erhielten die 18.533 Hektar Land jedoch erst 1992 den Status eines Naturreservats. Es besteht aus sanften Hügeln zwischen Wasserfurchen und Schluchten über Gletschermoränen und erodiertem Boden. In der Nähe fliesst der Fluss Vytebet, dort hat sich ein Netz aus Waldbächen gebildet. Das Reservat ist zu 96 Prozent mit Wald bedeckt, davon 25 Prozent Birken und weitere 25 Prozent sonstiger Laubwald: Eschen, Ulmen, Eichen und Ahorn. Dazu gibt es zwölf Prozent Fichten und ebensoviel Kiefern. Die Wissenschaftler des Naturreservats haben über 400 Arten von Gefässpflanzen und 500 Pilzsorten gefunden. Das Naturreservat “Gebücke von Kaluga” arbeitet überdies aktiv an der Wiedereinführung des Europäischen Bisons in Zentralrussland.

Ein Grossteil des streng geführten Naturreservats ist für Publikum geschlossen, aber Wissenschaftler können Besuche anmelden. Einige Routen sind auch für Ökotouristen zugänglich. Passierscheine müssen im Voraus beantragt werden. Der nördliche Teil hat geführte Wanderwege über eine Länge von 2,7 Kilometern mit Erklärungsschildern. Kinder und Radfahrer dürfen diese Wege ebenfalls benutzen. Im südlichen Teil gibt es drei Rundwege über insgesamt 5 Kilometer. Hier werden die Flora und Fauna der Region gezeigt mit Möglichkeiten zur Vogelbeobachtung. Das Informationszentrum zur Naturkunde ist täglich geöffnet. Das Hauptbüro befindet sich in Uljanowsk.

http://zaseki.ru/

Der Europäische Bison ist ein Tier aus vorhistorischer Zeit. Im Gegensatz zum Auerochs, der ausstarb, gibt es den Bison in Europa und Zentralasien immer noch. Doch er verschwindet zunehmend. Die landwirtschaftliche Entwicklung hat ihn in in die Wälder getrieben und die Jagd hat den Bestand dezimiert. Vor 50.000 Jahren gab es zum Beispiel im Ural noch frei lebende Wisente. Alte Höhlenmalereien sind Quellen für die Forschung. Sie liefern wissenschaftliche Daten, denn sie wurden von jagenden Malern bzw. malenden Jägern geschaffen, die darin geübt waren, die Tiere genau zu beobachten. In der vorhistorischen Höhlenmalerei waren Wisente ein beliebtes Motiv. Deshalb wissen heutige Wissenschaftler im Detail, wie diese Tiere früher aussahen.

Die prähistorischen Abbildungen des Europäischen Bisons, welche in der spanischen Höhle von Altamira gefunden wurden, könnten Porträts jener Waldtiere sein, die heute in Russland leben. Ihr Aussehen hat sich kaum verändert. So wird ein Besuch der russischen Naturreservate “Brjansker Wald” und “Gebücke von Kaluga” eine Zeitreise in frühere Jahrtausende, eine interessante Expedition für all jene mit Interesse an Naturschutz, Biologie, Ökologie und Paläontologie.

Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Moskau. Ihr Blog:

https://olivia2010kroth.wordpress.com

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Acerca de olivia2010kroth

Escritora y periodista
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